Griff in die Geschichte (40) 

 

Wanderer zwischen den Welten:
Manfred von Ardenne

 

von Hans Poggensee

 

Wenn wir heute vor unseren Fernsehgeräten sitzen, denken wir nicht unbedingt an die Pioniere, die diese elektronische Unterhaltung ermöglicht haben. Der bekannteste dürfte wohl Heinrich Hertz sein, auch ein Sohn Hamburgs. Er entdeckte die elektromagnetische Schwingung, die Radiowellen.
Nicht so bekannt hingegen ist Manfred von Ardenne, der nicht nur Physiker war, sondern auch Forscher auf dem Gebiet der Medizin und der Kernforschung. Ohne ihn wären heutige Fernseher nicht möglich geworden.

Aber zum Anfang zurück. Ein Hamburger Sonntagskind wird als ältestes von 5 Kindern am 20. Januar 1907 geboren. Die Familie, Vater Egmont Baron von Ardenne und seine Frau Adela, wohnt am Grindelhof, der Großvater An der Alster Nr. 8. Dort findet auch ein erstes "Experiment" statt, wegen dessen er damit bestraft wird, dass er ein Feuerwerk am Harvestehuder Fährhaus nicht mit ansehen durfte. Dazu meint er selbst:
"Das war die elterliche Reaktion auf mein Bemühen, das physikalische Verhalten eines kolloiden Gemenges auf besondere Weise festzustellen. Ich hatte versucht, den Inhalt einer Hautcremedose mittlerer Größe möglichst gleichmäßig auf der Tapete des großväterlichen Gästezimmers zu verteilen. Die gleiche abwegige Neigung für die Verwendung von Salben konstatierte ich fünfunddreißig Jahre später bei meinen eigenen Kindern."

Noch vor dem Ersten Weltkrieg zog die Familie nach Berlin, wo er nach eigener Aussage seine "Flegeljahre" auslebte. Danach widmete er sich aber vielen kleinen Experimenten mit Gleichstrom, Wechselstrom, Hochspannungsinduktoren und Hochfrequenz. Ein erstes selbstgebautes Radio gehörte dazu wie eine mit dem Klingelstrom arbeitende Abhöranlage.

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Seine schulischen Leistungen waren geteilter Qualität. In naturwissenschaftlichen Fächern glänzte er, im Sprachlichen gab es eher stumpfe Fünfen und Vieren. Somit, und auch durch die Förderung eines Dr. Loewe (ja, der von Loewe-Opta), hielt er es für sinnvoll, die Schule zu verlassen und mit 16 Jahren sein erstes Patent anzumelden. Im Laufe seines Lebens brachte er es auf über 600.

Das ist auch der Grund, weshalb ich nicht auf alle seiner Forschungsergebnisse eingehen will, aber auch teilweise nicht kann. Es ist mir manchmal zu hoch. In seiner Autobiografie gibt es im Anhang allein 30 Seiten, die hier eine umfängliche Auskunft geben können.

Als Siebzehnjähriger beendete er 1924 seine Praktikantenstelle und bestritt seinen Unterhalt selbst. Sogar seinen Eltern zahlte er Miete für ein großes Zimmer, welches sie ihm zur Verfügung gestellt hatten. Diese Mittel erhielt er aus Honoraren für Bücher, Veröffentlichungen und Erlösen aus Entwicklungen und Erfindungen. Z.B. baute er einen HiFi-Verstärker mit speziellen Hochton- und Basslautsprechern und ein Jahr später schon eine Gemeinschaftsantennenlage, wie sie auch heute noch Stand der Technik ist. Man bedenke: Er hatte keinen Schulabschluss und konnte nun trotzdem mit Fürsprache des Nobelpreisträgers Geheimrat Nernst und Graf Arco an der Berliner Universität immatrikulieren und besuchte vier Semester lang die grundlegenden Vorlesungen über Physik, Chemie und Mathematik. Das schien ihm zu reichen, denn nun begann er sein "Spezialstudium" außerhalb der Universität, immer in enger Beziehung zu jeweils vorliegenden Aufgaben und Problemen.

So wird es bald interessant. Hatte man bisher Bilder noch mit einer rotierenden Lochscheibe für das Fernsehen abgetastet, gelangen ihm am Weihnachtsabend des Jahres 1930 dann die ersten Fernsehübertragungen mit Braunschen Röhren auf der Sender- und Empfängerseite. Das war das Prinzip der rein elektronischen Bildübertragung, wie sie heute noch stattfindet – natürlich mit einer weiter entwickelten Hardware. Sogar mit dem Farbfernsehen machte er 1931 erste Versuche.

gig40 von Ardenne 2Ab 1937 wendete er sich einem anderen Bereich zu, nämlich der Weiterentwicklung der Elektronenmikroskope. Hier liegt wohl auch der spätere Wechsel in die Biologie und Medizin begründet. Hier forschte er bis über das Ende des 2. Weltkrieges hinaus, als er 1946 auch einer Spezialaufgabe der UdSSR folgte. Hier nahm er an der Entwicklung der Wasserstoffbombe des Ostblocks teil.

Erst 1955 kommt er wieder nach Deutschland. In Dresden gründet er das einzige private Institut der DDR. Er hat dort einen Sonderstatus, da er aus der Sowjetunion hochdekoriert und mit allerhöchster Unterstützung zurückgekehrt ist.
Im folgenden Jahrzehnt beschäftigt sich Ardenne vor allem mit Kernphysik und der medizinischen Elektronik. Im Jahre 1956 nutzt er die fortgeschrittene Transistortechnik zum Bau einer kleinen Sonde, die verschluckt werden kann und dann wie ein kleiner UKW-Sender Daten für die ärztliche Diagnostik nach außerhalb des Körpers signalisiert.
Nach einer schweren Krankheit entwickelt er Anfang der 70er-Jahre die Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie. Hier wird eine Übersäuerung der Krebsgewebe kombiniert mit einer Überwärmung der verdächtigen Körperregion. Zusätzlich wird ein Verfahren angewandt, bei dem den Patienten in bestimmten Abständen reiner Sauerstoff in festgelegten Mengen zugeführt wird. Eine jung erhaltende Wirkung und sogar eine heilende Funktion bei Krebs soll dieses Verfahren haben. Vor allem in der alternativen Medizin findet er damit Gehör.

Noch bis ins hohe Alter arbeitet Manfred von Ardenne in seinem Institut auf dem Weißen Hirsch in Dresden. Er stirbt 1997 mit 90 Jahren. Das Institut wird nach seinem Tod in drei Einrichtungen aufgeteilt, die sich vor allem der Solartechnik, Anlagentechnik und der Weiterentwicklung seiner Krebs-Mehrschritt-Therapie widmen.

Ardennes Ansichten zu den verschiedenen diktatorischen Systemen in denen er lebte, können Anlass zur Kritik geben. Ob im Dritten Reich, in der UdSSR oder in der DDR - immer verstand es Ardenne, sich geschickt persönliche oder seine Forschungen betreffende Vorteile zu verschaffen. Zwar engagierte er sich nie direkt politisch, war aber als Forscher und Erfinder stets ein wichtiger Teil des jeweiligen politischen Systems.

 

 

 

Veröffentlichungen zum Thema in unserer Bibliothek:

 

Manfred von Ardenne : Sechzig Jahre für Forschung und Fortschritt. Autobiografie. 1. Aufl. der Neuausgabe 1987.
A.XI.02 / 031

 

Im Internet:
www.ndr.de/geschichte/koepfe/Manfred-von-Ardenne-Herr-des-Fernsehens,manfredvonardenne101.html

 

 

 

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