Griff in die Geschichte (32) 

Heinrich Barth

 

von J.R.

 

`Man hat in Europa keine Vorstellung von der Lage eines einzelnen schutzlosen Reisenden in diesen Gegenden‘
Vor 200 Jahren wurde der Afrikaforscher Dr. Johann Heinrich Barth in Hamburg geboren (16.2.1821 - 25.11.1865)

 

gig31 Flughafen2Privatdozent, Archäologe, Geograph, Ethnologe, Linguist – der Universalgelehrte und Forscher Heinrich Barth stand nach der Veröffentlichung seiner bahnbrechenden Erkenntnisse im Nachgang zu einer mehrjährigen Reise durch Afrika schon während seiner Lebenszeit im leichten Abseits. Promoviert mit einer Arbeit über die Handelsgeschichte der Antike, versiert in europäischen, afrikanischen und arabischen Sprachen, interessiert an afrikanischer Geschichte und Kultur bereiste er in den 1840er sowie in den 1860er Jahren die Länder des kleinasiatischen und nordafrikanischen Mittelmeers bis zum Roten Meer ebenso wie die Gebiete des Balkan und Spanien. Doch es war eine mehr als fünfjährige Entdeckungsreise zwischen 1850 und 1855 in der Nordhälfte Afrikas, die seinen Forschergeist erfüllte und Barth bekannt machte.

1849 rüstete die britische Regierung eine Expedition nach Afrika aus, die von James Richardson, selbst ein bekannter Afrikaforscher und Abolitionist, geleitet wurde und lud die deutschen Wissenschaftler Dr. Barth und Dr. Adolf Overweg, Astronom und Geologe, dazu ein. Sinn der Unternehmung aus britischer Sicht sollte die Erkundung von unbekannten Gebieten und von möglichen Handelsbeziehungen sein, für Barth ging es mehr um das kulturelle und geschichtliche Interesse. Seine mehrjährige Reise führte ihn von Tripolis aus u.a. durch die Sahara, Sudan, zum Tschad-See und nach Timbuktu, wo er sich sieben Monate lang aufhielt. Er schloss mit unterschiedlichen Stämmen im Auftrag Londons Verträge ab, welche jedoch nach seiner Rückkehr aufgrund einer geänderten Politik nicht eingehalten wurden.

gig31 Flughafen1911 3Auf seinen Reisen waren Gefahren nicht weit; er wurde bedroht, überfallen, beraubt, gefesselt, fand sich als türkischer Spion bezichtigt und des Umsturzes verdächtigt. Seine beiden Kollegen starben an Malaria. Neben Banditen begegnete er Korangelehrten, Sklavenhändlern, Karawanenführern, Mekkapilgern, Stammesherrschern. Er traf auf Feindseligkeit, Aberglauben und Argwohn, aber auch auf herzliche Gastfreundschaft und großzügige Hilfsbereitschaft. Sein Talent, mehrere lokale Sprachen zu erlernen und zu sprechen, seine Geduld und Akzeptanz der jeweiligen Verhaltensnormen gepaart mit einigem diplomatischen Geschick ermöglichten ihm, Hindernisse zu überwinden und Gefährdungen zu begrenzen, in die sich kaum jemand in Europa hineindenken konnte.

Der politisch-historische Hintergrund während Heinrich Barths Reisen waren die beginnenden Kolonialambitionen der europäischen Länder, insbesondere Englands, Frankreichs und Deutschlands und die Bestrebungen, den jeweiligen Machtbereich zu erweitern. Die Beseitigung des Sklavenhandels war ein Nebenaspekt, die geschichtlichen Hintergründe der arabischen und afrikanischen Länder waren nicht von Interesse.

Nach seiner Rückkehr aus Afrika veröffentlichte Heinrich Barth in einem fünfbändigen und mehrtausendseitigen fundierten Werk seine täglichen Tagebuchaufzeichnungen, die Details wie Flussbreiten, Felsformationen, Entfernungen, Siedlungen, Vegetation und unzählige weiterführende Informationen, Karten und Skizzen enthielten: Reisen und Entdeckungen in Nord- und Central-Afrika in den Jahren 1849 bis 1855, publiziert 1855 bis 1858. Ein linguistisches Nachschlagewerk, Sammlung und Bearbeitung Central-Afrikanischer Vokabularien, veröffentlicht 1862 bis 1868, ist ein Wörterbuch, das einige afrikanische Sprachen in Bezug zur deutschen und englischen Sprache setzt und worin Barth genau beschreibt, worin beispielsweise Zusammenhang und Ursprung der Worte der einzelnen Dialekte liegt. Außer diesen Werken veröffentlich er weitere Bücher über seine unterschiedlichen Reisen.

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Im Gegensatz zu anderen Reiseberichten aus der Zeit setzt sich Heinrich Barth auseinander mit dem was er sah, hörte, lernte und las. Er wollte Afrika und seine Geschichte, Menschen und Sprachen erkunden, die europäischen Mächte dagegen waren mehr an Unterwerfung und Einverleibung interessiert. Seine unvoreingenommene Haltung zum Islam, seine Kenntnis mehrerer afrikanischer Sprachen, seine Einschätzung, basierend auf Beobachtungen und persönlicher Begegnung, der unterschiedlichen Kulturen der afrikanischen Stämme und seine daraus gewonnene Einsicht ließ ihn zu einer gänzlich anderen, unzeitgemäßen Einstellung zu den Menschen Nordafrikas gelangen. Für Barth waren sie kein Anlass zu Überheblichkeit, womit er in Gegensatz zu der wenig informierten Haltung der Politiker insbesondere Deutschlands und der Missionsgesellschaften stand. 

Nach seiner Expedition kurzeitig geehrt durch die Geographischen Gesellschaften Englands und Frankreichs, wegen seiner qualifizierten Ausführungen und revolutionären Aussagen mit Skepsis betrachtet, wissenschaftlich nicht wirklich anerkannt in Deutschland, wo ihm die Teilnahme an einer Unternehmung Londons übel genommen wurde, trotz hoher Qualifikation und Habilitation nicht als ordentlicher Professor bestellt, begrenzt geachtet für seine Leistung zu Geschichts-, Geographie-, Sprach- und Kulturforschung der bereisten Länder starb Dr. Heinrich Barth in Berlin mit 44 Jahren.

Die im Vorwort zu Band I seines großen Werkes geäußerte Hoffnung trat erst viele Jahrzehnte später ein: `Ich hoffe, dass Niemand in Abrede stellen wird, dass ich die Kenntnis des Innern Afrika’s (sic) um ein Ansehnliches gefördert (…) habe.‘

 

Veröffentlichungen zum Thema in unserer Bibliothek:

 

Heinrich Schiffers: Heinrich Barth. Ein Forscher in Afrika; Leben – Werk – Leistung. Eine Sammlung von Beiträgen zum 100. Todestag, Wiesbaden 1967.
A.XI.2 / 007

 

Magnus Ressel: Hamburger Sklavenhändler als Sklaven in Westafrika, in: ZHG 96 (2010), S. 33-69.
A.I.2 / 198

 

Adolf Coppius: Hamburgs Bedeutung auf dem Gebiet der deutschen Kolonialpolitik, Berlin 1905.
A.VI.7 / 028

 

Ernst von Halle: Die großen Epochen der Kolonialgeschichte. Vortrag gehalten im Institut für Meereskunde an der Universität Berlin am 29. Nov. 1906 / Sonderabdruck aus der Zeitschrift für Kolonialpolitik, Kolonialrecht und Kolonialwirtschaft, Berlin 1907.
A.VI.7 / 060

 

Deutschland braucht Kolonien. Eine Werbe- und Leseschrift anläßlich der Kolonialausstellung vom 4. Februar bis 15. April 1936, Altona 1936.
A.VI.7 / 090

 

 

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