Online-Programm des Vereins für Hamburgische Geschichte

 

Liebe Vereinsmitglieder,

um Ihnen auch in dieser besonderen Zeit ein kleines Programm anbieten zu können, veröffentlichen wir an dieser Stelle nun Videos, die in einem engen Bezug zu unserem regulären Veranstaltungsprogramm stehen oder auf andere interessante Inhalte verweisen.

 

Prof. Dr. Jürgen Overhoff präsentiert seine in der Reihe "Hamburgische Lebensbilder" erschienene Biografie über Johann Bernhard Basedow:

 

 

 

Dr. Silke Urbanski führt uns durch das digitale "Hamburg-Geschichtsbuch":

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Griff in die Geschichte (19) 

100 Jahre Universität Hamburg 1919-2019

von Lilja Schopka-Brasch

 

In diesem Jahr feiert die Universität Hamburg ihr hundertjähriges Bestehen. Einen Geburtstag zu feiern, ist nicht so einfach, denn es gibt zwei Gründungserzählungen, die sich auf zwei unterschiedliche Daten beziehen. gig19 Luethje schattenTraditionell wird und wurde der 10. Mai 1919, der Tag der Eröffnung, als Jubiläumstag gefeiert. An diesem Tag gab es in der Musikhalle einen festlichen Eröffnungsakt. Der zuständige Senator und Erste Bürgermeister der Stadt, Werner von Melle, der – gemeinsam mit den bürgerlichen „Universitätsfreunden“ – lange für eine Universität in Hamburg gekämpft hatte, sprach das Grußwort für die Stadt und galt als eigentlicher „Gründungsvater“ der Universität. Diese Traditionslinie, die an die lange Vorgeschichte der Universität anknüpfte, wurde von der Mehrheit der Universitätsangehörigen gepflegt und tradiert. Mit der Einführung von Talaren, die 1927 konservativen Professoren gelang, reihte sich die Professorenschaft sichtbar ein in die Tradition „ehrwürdiger“ Universitäten, und die Hamburgische Universität erschien in dieser Erzählung als eine der 23 deutschen Universitäten, ohne sich grundlegend von den anderen Hochschulen zu unterscheiden.

Die andere Gründungserzählung beginnt mit der 3. Sitzung der neuen, erstmals demokratisch gewählten Bürgerschaft am 28. März 1919. In dieser Sitzung wurde die Hamburgische Universität per Gesetz, durch den Beschluss eines demokratisch legitimierten Parlaments, gegründet – ein Novum in der deutschen Geschichte. Die SPD, die nun über die absolute Mehrheit verfügte, plante die erste demokratische Universität in Deutschland, eine Reformuniversität, die der neuen Zeit entsprach, mit „freiester Verfassung und freiesten Zulassungsbedingungen“, so der spätere Schulsenator und Sozialdemokrat Emil Krause in der entscheidenden Sitzung. Im Sommersemester 1919 schrieben sich 1.729 Studierende ein, darunter 212 Frauen. gig19 IMG 2569 SchattenAufgrund ihrer späten Gründung gehörte die Hamburgische Universität zu den wenigen Universitäten, an denen Frauen von Anfang an formal gleichberechtigt zugelassen waren. Anziehend für Studentinnen war ein freierer Geist, den sie hier zu finden hofften, eine Umgebung, in der Frauen „nicht per se als Eindringlinge“ angesehen wurden. Ein demokratischer Geist wurde jedoch nur von einer Minderheit gepflegt, der Großteil der Professorenschaft wie der Studierenden hing traditionellen, elitären Universitätsvorstellungen an. Die Idee einer Reformuniversität wurde von zu wenigen getragen, um verwirklicht werden zu können. Mit der Machtübertragung auf die Nationalsozialisten 1933 war es mit der Freiheit der Lehre und des Lernens dann vorerst vollständig vorbei. Erst das Hamburger Universitätsgesetz von 1969 gewährleistete 50 Jahre nach der Gründung den Wechsel von der Ordinarien- zur Reformuniversität, in der alle Gruppen innerhalb der Universität Mitspracherechte erhielten. So wurde der Weg frei, um Lehre, Lern- und Arbeitsformen grundlegend zu reformieren. Die Studierendenzahlen stiegen enorm, allerdings wurde seit den 1980er Jahren die staatliche Finanzierung stetig zurückgefahren, was in den 1990er Jahren massive Stellenstreichungen zur Folge hatte. Überfüllte Hörsäle und Seminare gehörten somit zu den immer schwieriger werdenden Studienbedingungen.
50 Jahre nach dem Erlass des Universitätsgesetzes bleibt zu fragen, was von dessen demokratischem Gehalt übriggeblieben ist. Neue Universitätskonzepte fokussieren wieder stärker auf Auswahl und Beschränkung – sowohl im Fächerangebot als auch bei den Studierenden. Es bleibt spannend, wie sich Forderungen nach Exzellenz einerseits und Bildung für alle andererseits in einer Universität verwirklich lassen.

 

Quellen und Literatur zum Thema in der VHG-Bibliothek:

 

In unserer Bibliothek finden Sie zur Geschichte der Universität Hamburg über 40 Titel – die durch die ab 2019 erscheinende "Kleine Geschichte der Universität Hamburg" von Rainer Nicolaysen sowie - ausführlicher - die Bände der Publikation „100 Jahre Universität Hamburg“ ergänzt werden. Im Folgenden eine Auswahl:

 

Fiege, Hartwig: Die Lehrerbildung im Pädagogischen Institut der Universität Hamburg von 1945 bis 1969 (Beiträge zur Geschichte Hamburgs, 42). Hamburg 1991.
A.I.2 / 008.42

Die Hamburger Universitätsmedizin im Nationalsozialismus: Forschung – Lehre – Krankenversorgung hg. von Hendrik van den Bussche (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, Bd. 24). Berlin und Hamburg 2013.
A.VIII.1 / 115

Schopka-Brasch, Lilja: „Ich wollte keine Hausfrau sein, ich wollte Ärztin sein!“ Studentinnen in Hamburg und Oslo zwischen den Weltkriegen (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, Bd. 20). Berlin und Hamburg 2012.
A.XI.02 / 40

Melle, Werner von: Dreißig Jahre Hamburger Wissenschaft 1891-1921. Rückblicke und persönliche Erinnerungen. 2 Bde. Hamburg 1923/24.
A.XI.02 / 110.1 und A.XI.02 / 110.2

Der Forschung? Der Lehre? Der Bildung? Wissen ist Macht! 75 Jahre Hamburger Universität. Studentische Gegenfestschrift zum Universitätsjubiläum 1994, hg. von Stefan Micheler und Jakob Michelsen im Auftrag des Allgemeinen Studierendenausschusses der Universität. Hamburg 1994.
A.XI.03.b. /01

Universität Hamburg 1919-1969 [= Festschrift zum 50. Gründungstag der Universität Hamburg]. o. O. o. J. [Hamburg 1970].
A.XI.03.b / 08

100 Jahre Geschichtswissenschaft in Hamburg, hg. von Rainer Nicolaysen; Axel Schildt (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, Bd. 18). Berlin und Hamburg 2011.
A.XI.03.b / 11

Nicolaysen, Rainer (Hg.): Das Hauptgebäude der Universität als Gedächtnisort. Mit sieben Portraits in der NS-Zeit vertriebener Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Hamburg 2011.
A.XI.03.b / 017

Jendrowiak, Silke: Der Forschung – der Lehre – der Bildung. Hamburg und seine Universität. Hamburg 1994.
A.XI.03.b / 018

Nicolaysen, Rainer: „Frei soll die Lehre sein und frei das Lernen.“ Zur Geschichte der Universität Hamburg. Hamburg 2008
A.XI.03.b / 72

Lüthje, Jürgen (Hg.): Universität im Herzen der Stadt. Eine Festschrift für Dr. Hannelore und Prof. Dr. Helmut Greve. Hamburg 2002.
A.XI.03.b / 073

Gelebte Universitätsgeschichte: Erträge jüngster Forschung Eckart Krause zum 70. Geburtstag, hg. von Anton F. Guhl; Malte Habscheidt; Alexandra Jaeger (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, Sonderband). Berlin und Hamburg 2013.
A.XI.03.b / 150

Hochschulalltag im "Dritten Reich". Die Hamburger Universität 1933 – 1945, hg. v. Eckart Krause; Ludwig Huber; Holger Fischer. 3 Teile (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, Bd. 3). Berlin und Hamburg 1991.
A.XI.03.b / 151

Rein, Adolf: Die hansische Universität, hg. von der Landesbildstelle Hansa und der Hansischen Universität Hamburg. (Bilder der Niederdeutschen Heimat, Sonderheft) Hamburg o. J. [1937]
A.XI.03.b / 183

Bottin, Angela, unter Mitarbeit von Rainer Nicolaysen: Enge Zeit. Spuren Vertriebener und Verfolgter der Hamburger Universität (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, 11). Berlin/Hamburg1992.
A.XI.03.d / 078

 

 

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Griff in die Geschichte (20) 

Arp Schnitger – Berühmter Orgelbauer des Barock

 

Arp Schnitger war ein herausragender Orgelbaumeister in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und in den beiden ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts. Mit Orgeln in Großbritannien, Dänemark und den Niederlanden und auch in Russland und Portugal war er eine bedeutende Persönlichkeit der Orgelkunst. 1708 war er zum Königlich Preußischen Hoforgelbauer ernannt worden. Auch drei Jahrhunderte später ist sein Ruhm nicht verblasst. gig20 Orgelbauerhof Schatten

Schnitgers Orgeln zeugen von seinen herausragenden Fähigkeiten und seinem vollendeten Klanggefühl. Er war künstlerisch und handwerklich äußerst geschickt und erreichte eine auf die feinste Nuance ausgewogene Harmonie der Töne. Durchdachte Herstellungssequenzen, technische Perfektion, präzise Handarbeit und höchste Qualität garantierten eine lange Lebensdauer der empfindlichen Instrumente; über die Zeit wurden jedoch viele durch äußere Einwirkungen zerstört. Doch fast 30 seiner Orgeln sind noch erhalten, wenn auch nicht immer gänzlich im Originalzustand.
Arp Schnitger unterhielt Werkstätten an mehreren Orten wie Berlin, Hamburg, Stade, Magdeburg und sogar Groningen und weiteren. Er baute weit über 100 Orgeln und reparierte, restaurierte oder verbesserte etwa 60; ins Ausland lieferte er rund 30 Instrumente. Die Orgel in Hamburgs St. Nicolai-Kirche war zur damaligen Zeit die vermutlich größte Orgel der Welt, sie fiel dem großen Brand von 1842 zum Opfer. Basierend auf einer weit älteren Orgel, entstand auch die in St. Jacobi in vierjähriger Bauzeit zum großen Teil von ihm, allerdings wurde sie seit 1693 an mehreren Stellen erneuert; sie ist eine der größten noch erhaltenen Orgeln aus der Zeit. 1989 erschien eine Briefmarke zu Ehren ihres Erbauers.
Seit 1991 trägt ein neu entdeckter Asteroid seinen Namen. Die Arp-Schnitger-Gesellschaft kümmert sich um sein kulturelles Erbe. In der nahen Umgebung von Hamburg findet man noch seine Orgeln in Steinkirchen, Jorg, Hollern, Neuenfelde, Ochsenwerder und in Cappel bei Cuxhaven.
Das 300. Todesjahr des hoch angesehenen Orgelbauers des Barock nimmt Hamburg zum Anlass, 2019 zum Orgeljahr zu erklären; zahlreiche Konzerte, Vorträge oder Führungen werden deshalb in der Stadt angeboten. 

 gig20 IMG 20190623 Schatten

 

Quellen und Literatur zum Thema in der VHG-Bibliothek:

 

In der Bibliothek des Vereins finden sich einige Titel zu Arp Schnitger:

 

Claus Ahrens, Archäologische Untersuchungen in der Kirche zu Hamburg-Neuenfelde und die Identifizierung der Grabstätte Arp Schnitgers, in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte, Band 59 (1973), S. 89-97.
A.I.2.198

Günter Seggermann, Die Orgeln in Hamburg. Christians Verlag, Hamburg 1997.
A.IX.1.002.06

Gustav Fock, Hamburg’s Role in Northern European Organ Building. Westfield Center, Easthampton (Massachusetts) 1997.
A.XI.06.041

Die Arp-Schnitger-Orgel der Hauptkirche St. Jacobi Hamburg. Festschrift aus Anlass der Wiederweihe am Sonntag- Septuagesimae-29. Januar 1961. Herausgegeben vom Kirchenvorstand der Hauptkirche, Hamburg 1961.
A.XII.3.090

Lutz Mohaupt, Meine Geschichte mit der Arp-Schnitger-Orgel. Lutherische Verlagsgesellschaft, Kiel 1993.
A.XII.3.092

Günter Seggermann, die Orgeln der Hauptkirche St. Michaelis zu Hamburg. Schnell & Steiner, München und Zürich 1987.
A.XII.3.146

Helmut Roscher, Die Arp-Schnitger-Orgel zu Hamburg-Neuenfelde. Sost & Co., Hamburg-Harburg 1980.
A.XII.3.208

 

 

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Griff in die Geschichte (21) 

150 Jahre Radfahren und Radsport in Hamburg – der Altonaer Bicycle-Club von 1869/80

von Lars Amenda

 

Vor 150 Jahren wagten sich die ersten „Radfahrer“ in Hamburg auf die Straßen. Die ein halbes Jahrhundert ältere Laufmaschine von Karl Drais war nur sehr vereinzelt nach Hamburg gelangt, da hier kaum Adel, die wichtigste Zielgruppe, lebte. Das änderte sich Ende der 1860er Jahre mit dem nächsten Schritt in der Entwicklung des Fahrrads: dem Veloziped. 

gig21 ABC Vorstand um 1890 SchattenBereits 1868 und insbesondere 1869 ließen sich zunehmend Reiter des „pferdelosen Rosses“ in der Öffentlichkeit blicken. Mit „Quickrun“ aus Hamburg und dem „Eimsbütteler Velocipeden-Reit-Club“ gründeten sich im April 1869 sogar eigene Vereine, die das aus Frankreich kommende vélocipède verbreiten und verbessern wollten. Im „Eimsbütteler“ Club fanden sich rund 20 Herren aus Altona und Hamburg zusammen, die sich allerdings nur schwer auf einen Namen einigen konnten. Als Kompromiss einigten sie sich auf die „neutrale Zone“ Eimsbüttel, das damals noch nicht zu Hamburg gehörte und eine dünnbesiedelte Landgemeinde vor den Toren der Hansestadt war.

Zu den treibenden Kräften im Eimsbütteler Club gehörte Harro Feddersen, der ein Eisenwarengeschäft in der Palmaille in Altona betrieb. Spätestens seit März 1869 verkaufte Feddersen dort Velozipede der Eisengießerei und Maschinenfabrik von Wilhelm Schlüter in Pinneberg. Wilhelm Schlüter, samt seiner Brüder August und Ernst, hofften auf einen großen kommerziellen Erfolg des Velozipeds und traten ebenfalls in den Eimsbütteler Velocipeden-Reit-Club ein. Dessen Satzung sah vor, dass neue Mitglieder innerhalb von acht Wochen ein eigenes Veloziped zu erwerben hatten, andernfalls wurden sie automatisch zu passiven („socialen“) Mitgliedern.

Das neuartige Veloziped wurde in Illustrierten vorgestellt und auf Theaterbühnen vorgeführt, die Zahl der „Reiter“ blieb aber überschaubar. Das lag vor allen an den hohen Preisen, die nur Vermögende bezahlen konnten. Die neuen Verkehrsteilnehmer stießen in der Öffentlichkeit zudem auf eine scharfe Ablehnung. Die Polizei in Altona und Hamburg reagierte auf den kleinen Velozipeden-Boom und erließ im Sommer 1869 Fahrverbote für die Bürgersteige (Trottoirs) und einige Straßen wie die heutige Elbchaussee und erließ empfindlichen Strafen.

Ein letzter Höhepunkt ereignete sich am 10. September 1869 in Altona, als der Eimsbütteler Velocipeden-Reit-Club und der von C. E. Samuelson geleitete St. Georger Velocipeden-Club ein „Velocipeden-Wettreiten“ im Rahmen einer großen Industrie- und Landesausstellung ausrichteten. Zahlreiche Zuschauerinnen und Zuschauer verfolgten das Rennen auf dem Ausstellungsgelände an der heutigen Max-Brauer-Allee und waren begeistert angesichts des Novums, das an ein Pferderennen erinnerte und doch ohne Pferde auskam. Mit dem Herbst und Winter geriet das Veloziped schnell in Vergessenheit und nur wenige Protagonisten wie Harro Feddersen hielten in den kommenden Jahren daran eisern fest.

Das in den 1870er Jahren in Großbritannien entwickelte und produzierte Hochrad, das „Bicycle“, wie es anfangs auch auf Deutsch genannt wurde, brachte seit 1880 neuen Schwung in die Welt des Radfahrens. Der Eimsbütteler Club um Harro Feddersen nahm wieder Aktivitäten auf und benannte sich 1881 in Altonaer Bicycle-Club von 1869/80 (ABC) um – die Rückdatierung auf 1880 erfolgte aus grafischen und wohl auch symbolischen Gründen, da die „80“ den Beginn eines neuen Jahrzehnts markierte. Der ABC praktizierte das Kunstradfahren, sowohl alleine als auch in der Gruppe („Reigenfahren“), und das Langstreckenfahren von Distanzen bis zu 150 Kilometern am Tag. Der Club veranstaltete zahlreiche karitative Feste und verankerte sich damit im städtischen Bürgertum Altonas. 1882 gründete sich der Hamburger Bicycle-Club und warb die Hamburger Mitglieder aus dem ABC ab. Der ABC erholte sich aber davon schnell und präsentierte sich 1889 stolz auf dem erstmals in Hamburg stattfindenden Bundestag des 1884 gegründeten Deutschen Radfahres-Bundes (DRB).

gig21 ABC um 1885 SchattenAnfang der 1890er Jahre bereitete der Luftreifen und das „Niederrad“ (safety bicycle) den großen Aufschwung des Radfahrens um die Jahrhundertwende vor. Der ABC genoss und inszenierte zuvor seinen Pionierstatus wie im Zuge des 25-jährigen Jubiläums im April 1894. Unter der Führung des gebürtigen Nordfriesen Gregers Nissen (1867-1942) erlebte der Club eine Blütezeit mit 130 Mitgliedern, die häufig Kaufleute waren und sich der städtische Eliten zurechneten. Nissen propagierte das Wanderfahren und förderte maßgeblich den Radtourimus. 1895 trat der ABC aus dem DRB aus, da dieser sich in der Frage des Amateur- und Profisports nicht klar positionierte und die Altonaer strikt für den Amateurstatus („Herrenfahrertum“) eintraten.

Seit der Jahrhundertwende, inmitten des großen Fahrradbooms dank kontinierlich sinkender Fahrradpreise, verlor der ABC an Bedeutung und ebenso an Mitgliedern. In der 1920er Jahren verjüngte sich der Club und nahm den Radrennsport wieder auf. 1925 verabschiedete der ABC eine antisemitische Satzung und passte sich während der NS-Herrschaft an die neuen Zeiten an. Seit den 1950er Jahren konzentrierte sich der Club auf das akrobatische Radballspiel und gehörte mit „Hamburgs Radballstars“ Eberhard Stüber und Gerd Oberwemmer zur nationalen und inernationalen Spitze. Seit den 1980er Jahren konnte der ABC keine jugendlichen Mitglieder mehr gewinnnen und wurde 1996 schließlich aus dem Vereinsregister ausgetragen. 2013 gründeten einige historische interessierte Fahrrad-Enthusiasten den Club neu. Die gegenwärtig 75 Mitglieder betreiben den Verein als Fahrrad- und Geschichtsverein und organisieren regelmäßig Veranstaltungen, restaurieren historische Fahrräder und publizieren Forschungsergebnisse über die norddeutsche Fahrrad- und Radsportgeschichte.

 

 

Literatur zum Thema:

 

Lars Amenda, Altonaer Bicycle-Club von 1869/80. Ein Verein schreibt Fahrradgeschichte, hrsg. vom Altonaer Bicycle-Club von 1869/80, Hamburg 2019 (ABC-Forschungen zur Fahrrad- und Radsportgeschichte, Bd. 1).

Statuten des Eimsbütteler Velocipèden-Reit-Clubs. Gegründet den 21. April 1869, Hamburg-Altona 2019 (Erstaufl. 1869) (ABC-Quellen zur Fahrrad- und Radsportgeschichte, Heft 1).

Lars Amenda/Oliver Leibbrand, Gregers Nissen. Fahrradpionier und Reiseschriftsteller, Bräist/Bredstedt, Nordfriesland 2017 (Nordfriesische Lebensläufe, Bd. 12).

 

Links:

 

www.altonaer-bicycle-club.de

www.lars-amenda.de

 

 

 

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Griff in die Geschichte (22) 

Hans Henny Jahnn

von Charlotte Wilken

 

Hans Henny Jahnn – geboren als Hans Jahn, aber bekannt unter dem Namen, den er sich selber gegeben hat –, ist nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Orgelbauer von Bedeutung.
Wenn man heute sein Grab auf dem Friedhof Nienstedten besucht, sieht man eine verwahrloste Grabstätte.

gig21 ABC Vorstand um 1890 Schatten

Drei große Grabplatten befinden sich dort, in die erste ist ein Text eingraviert, der für einen Ungeübten (d.h. jetzt auch für mich) nicht zu entziffern ist, auf der zweiten (der mittleren) ist der Name zu lesen: Hans Henny Jahnn. Auf der dritten steht der Name seiner Frau: Ellinor Jahnn, geborene Philips, 1893-1970.

Hans Henny Jahnn hatte den Wunsch, neben seinem langjährigen Freund und Partner, Gottlieb Friedrich Harms, beerdigt zu werden. Dass das Grab neben ihm das von Harms ist, lässt sich nur durch eine Nachfrage bei der Friedhofsverwaltung ermitteln, kein Grabstein ist mehr auf dem verunkrauteten Grab zu finden.
Hans Jahn wurde am 17. Dezember 1894 – vor 125 Jahren – in Stellingen geboren. Auch sein Todestag jährt sich in diesem Jahr: Vor 70 Jahren, am 29. November 1959, starb er in Hamburg. Sein Geburtsort Stellingen gehört erst ab 1937 zu Hamburg.
Erst später schrieb er seinen Nachnamen „Jahnn“ mit zwei „nn“ und ergänzte einen zweiten Vornamen „Henny“. Mit dem weiblichen Vornamen „Henny“ redeten ihn seine Freunde an.
gig22 Hans Henny Jahnn 2Das Elternhaus war kleinbürgerlich, der Vater war Schiffszimmermann und arbeitete als Angestellter in der Werft des Vaters (später seines Bruders). Jahnn besaß als Kind zahlreiche Modellschiffe. Schon als Kind beeindruckte ihn die Elbe. Das Wasser und die Elbe scheinen Jahnn mehr bedeutet zu haben als die Stadt Hamburg, obgleich er in der Schule Osterstraße in Eimsbüttel eingeschult worden war und später die reformierte Realschule St. Pauli besuchte. So schreibt Jahnn in dem Nachwort zu dem Sammelband „Herrliches Hamburg“: „Die von Schiffahrt und Handel geprägte Stadt neigt dazu, schöpferische Menschen zu verletzen“.
Homoerotische Neigungen entwickelte Jahnn schon sehr früh. Rückblickend beschreibt er sich als Jugendlichen während der Pubertät als „vollkommen exaltierten Menschen“. Er war und blieb Autodidakt, da er im Elternhaus keinerlei Anregungen für eine literarische Beschäftigung fand.
In Gottlieb Friedrich Harms, der ein Jahr älter war, fand er endlich einen Freund. Es entstand eine intensive Freundschaft, die bis zum Tod von Harms im Jahr 1931 anhielt. Sein Wunsch war, neben Harms begraben zu werden. Jahnn versuchte 1913 vergeblich, seinen Freud zur gemeinsamen Flucht nach Island zu bewegen. Als die beiden sich dann endlich zu einer gemeinsamen Flucht entschlossen hatten, endete diese durch eine schwere Erkrankung von Harms.
Bereits zur damaligen Zeit schrieb Jahnn Dramen und Romane, von denen jedoch nicht alle erhalten geblieben sind.

Einer Einberufung als Soldat im ersten Weltkrieg entzogen sich Jahnn und Harms durch einen gemeinsamen Aufenthalt in Norwegen.
Nach dem ersten Weltkrieg, nun wieder in Deutschland, begann Jahnn sich einer weiteren Leidenschaft zu widmen: Den Orgeln. Bereits in Norwegen setzte er sich mit Orgelbau auseinander, blieb aber auch als Schriftsteller aktiv. 1919 erschien Jahnns erste Publikation, das Drama „Pastor Ephraim Magnus“, für das er den Kleist-Preis erhielt.Nach seiner Rückkehr aus Norwegen gründete Jahnn die „Glaubensgemeinde Ugrino“, zu der viele seiner Freunde gehörten, ebenso wie seine spätere Ehefrau Ellinor. Die Sekte war sexuell freizügig, provozierend. Sie wollte so wild wie möglich erscheinen. Das Lebensgefühl, das sich hier ausdrückte, war durchaus zeittypisch und begleitete Jahnn bis zu seinem Tod.
1923 restaurierte er mit Harms zusammen die Orgel der St. Jakobi-Kirche. Deren Restaurierung setzte er gegen Bestrebungen durch, die Orgel durch eine neue zu ersetzen. Weiterhin hat er zwischen 1926 und 1931 die Orgel in der Aula der Heinrich-Hertz-Schule errichtet. 1931-1933 war er amtlicher Orgelsachverständiger in Hamburg.gig21 ABC um 1885 Schatten

Inzwischen hatte er 1926 Ellinor Philipps geheiratet, mit der er zusammen mit Harms und dessen Ehefrau in Winterhude lebte. 1929 wurde seine Tochter Signe geboren.
Angesichts der drohenden Gefahr des Nationalsozialismus engagierte er sich in der „Radikal-Demokratischen Partei“ und hielt Reden gegen Rassismus und Kriegstreiberei.
Die Zeit von 1933 bis 1945 verbrachte Jahnn zunächst in der Schweiz und ab 1934 auf der Insel Bornholm, wo er für sein Mündel, den Sohn seines verstorbenen Freundes Harms, Eduard, einen Hof kaufte und dort mit seiner Frau Ellinor, der Tochter Signe und Eduard lebte.
1950 kehrte Jahnn dann endgültig nach Hamburg zurück und wurde im selben Jahr Gründungspräsident der Freien Akademie der Künste.
Sein Drama „Thomas Chatterton“ wurde 1957 unter der Regie von Gustav Gründgens in Hamburg uraufgeführt.
Jahnn mischt sich auch politisch ein: Am 17. April 1958 hielt er z.B. auf dem Hamburger Rathausmarkt im Rahmen der Aktion „Kampf dem Atomtod“ eine Rede. Am 29. November 1959 – vor 70 Jahren – starb Hans Henny Jahnn. Sein Sarg wurde nach seinen Vorstellungen, entsprechend den Grundsätzen von „Urgino“, gestaltet, ein schwerer Eichensarg, den die Träger mehrfach absetzen mussten.

Seine wichtigsten literarischen Werke seien hier kurz genannt:
Perrudja, 1929;
Die Trilogie: Fluß ohne Ufer, 1943-1945;
Die Nacht aus Blei, 1956;
Außerdem zahlreiche Theaterstücke.

 

 

Literatur zum Thema in der Bibliothek des VHG:

 

Hans Henny Jahnn: Nachwort. In: Herrliches Hamburg, hrsg. von Ralf Italiaander. Hamburg 1957.

A.II.1 / 034


Elsbeth Wolffheim: Hans Henny Jahnn mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlts Bildmonographien. Hamburg 1990.

A.XI.07.c / 96


Die Hans-Henny-Jahnn-Orgel in der ehemaligen Lichtwarkschule, jetzt Heinrich-Hertz-Schule. Hamburg 1991.

A.XI.03.c / 29


Zeitgenosse Hans Henny Jahnn. Hamburger Literaturtage. Veranstaltet von der Freien Akademie der Künste. Hamburg 1985.

A.XI.07.c / 004

 

 

 

 

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Griff in die Geschichte (23) 

Ernst Barlach zum 150. Geburtstag

 

Berühmt ist Ernst Barlach hauptsächlich als Bildhauer durch seine Holz- und Bronzeskulpturen. gig23 Ernst Barlach 1Doch er war auch Zeichner, Graphiker und Autor. Tausende von Skizzen und Zeichnungen sowie acht Dramen und mehrere hundert Plastiken haben seinen Ruhm begründet. Der vielseitige Künstler wurde in Wedel nahe Hamburg am 2. Januar 1870 geboren.

 

Nach einer dreijährigen Ausbildung an der Kunstgewerbeschule Hamburg bis 1891 erweiterte Barlach seine Begabung in der Königlichen Kunstakademie in Dresden. Während mehrerer Aufenthalte zwischen 1895 und 1897 in Paris entwickelte er schriftstellerische Talente, so verfasste er mehrere Dramen, die ab 1912 veröffentlicht und 1919 aufgeführt wurden und für die er mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet wurde. Nach materiell unsicheren Jahren mit Zeiten von Selbstzweifeln reiste er 1906 in die südlichen Regionen von Russland, eine für ihn entscheidende Erfahrung. Barlach wurde 1908 Mitglied der Künstlergruppe Berliner Secession, einer Vereinigung gegen die konservativen Kriterien und für die Vorstellung neuer Strömungen in der Kunstwelt. 1909 hielt er sich fast das ganze Jahr über in Florenz auf – als Stipendiat der Villa Romana, einem wenige Jahre vorher gegründeten Haus für deutsche Künstler. Ab 1910 lebte er in Güstrow in Mecklenburg bis zu seinem Lebensende 1938.gig23 Ernst Barlach 2

Ausstellungen von Barlachgig23 Ernst Barlach 3s Werken gewannen ab 1907 erste Aufmerksamkeit. Seine Arbeiten wurden insbesondere im Kunstsalon Paul Cassirer in Berlin und anschließend bis 1933 in der Galerie Alfred Flechtheim ausgestellt, später auch in Moskau und New York. In weltweiten Auktionen erzielen heute seine Skulpturen immer wieder hohe Preise.
Beobachtungen im Russischen Reich gaben Ernst Barlach richtungsgebende Impulse, sie lenkten seinen Blick auf das Leid des darbenden Volkes. Hier traf er auf das entbehrungsreiche Leben der Menschen, von Not und Härte geprägt. Im täglichen Kampf um das schiere Überleben der dortigen Bettler, Hirten und Bauern sah er ihre Ausweglosigkeit, welche `Die russische Bettlerin´ realistisch verkörpert. Daraus entwickelte er seine primäre bildhauerische Richtung, die sich auf das innere Leiden und äußere Elend konzentrierte; eine Anklage der herrschenden Zustände.

Da es Barlach mehr um Tragik als um Heldentum ging, wurden nahezu 400 seiner Werke von den Nationalsozialisten als entartet bezeichnet, ein Ausstellungsverbot verhängt und viele seiner Arbeiten 1937 aus Museen entfernt. Gleichzeitig wurden seine Bühnenstücke verboten.
Das Ernst-Barlach-Haus (Stiftung H.F. Reemtsma) im Jenischpark in Hamburg-Othmarschen verfügt über eine große Sammlung an Skulpturen, Gemälden und Zeichnungen. In Barlachs Geburtsort Wedel und in seinem Wohnort Güstrow gibt es ein Museum, beide verfügen über vielfältige Exponate. Eine Briefmarke ehrt den Künstler zum 150. Geburtstag in 2020.

 

 

Literatur zum Thema in der Bibliothek des VHG:

 

In der Bibliothek befinden sich einige Titel zu dem Künstler:

 

 

Rhauderwiek, Antje: Ernst Barlach. Das Hamburger Ehrenmal. 2005.

A.II.5 / 077

 

Barlach, Ernst: Ein selbsterzähltes Leben. München 1964.

A.IX.04.b / 005


Dross, Friedrich: Ernst Barlach - Aus seinen Briefen. München 1947.

A.IX.04.b / 006


Flemming, Willi: Ernst Barlach - Wesen und Werk. Bern 1958.

A.IX.04.b / 028


Jansen, Elmar: Ernst Barlach. Berlin 1984.

A.IX.04.b / 029

 

Schumacher, Fritz: Wie Barlachs Ehrenmal in Hamburg entstand. In: Neue Hamburger Presse vom 2. und 6. Februar 1946. Hamburg 1946.

A.IX.1 / 179-85

 

Schurek, Paul: Begegnungen mit Ernst Barlach. Hamburg 1946.

A.XI.04.b / 007

 

 

 

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Griff in die Geschichte (24) 

Erste Michaeliskirche 1750 vom Blitz getroffen

 

von Hans Poggensee

 

Als das Wahrzeichen Hamburgs an sich gilt wohl die Michaeliskirche, die einzige nach der Reformation gebaute Kirche, die den Namen eines Heiligen trägt. Eigentlich sollte sie dem Erlöser gewidmet, also die Salvatorkirche, also Heilandskirche werden. Da es aber noch die Kirchengemeinde um den "kleinen Michel" gab, nahmen die Hamburger den Namen nicht an, obwohl noch 1677 der Name Salvator auf einer Karte verzeichnet war.

Der Baubeginn war 1648 unter Mithilfe der Bürger und unter Verwendung von 50 Schubkarren. 1649 konnte dann schon der Grundstein gelegt werden. Zwölf Jahre später wurde die Kirche, noch ohne Turm, geweiht. 1669 war auch dieser mit Haube endlich fertig.

Die Kirchenmusik war gezwungenermaßen noch dürftig, da die ersten beiden Orgeln noch ziemlich klein waren. Erst Arp Schnitger konnte 1715 ein der Bestimmung entsprechendes Instrument bauen, auch wenn in der St. Jacobi-Kirche eine noch heute existierende Orgel schon mächtiger war.

Warum erwähne ich dies? Man hätte gerne diese Orgel erweitert, Pläne und einen Baumeister hatte man schon, doch dann kam der Blitz.

Am 10. März 1750 soll es einen trüben Tagesanfang gegeben haben, den der Turmbläser auch mit seiner Trompete und Chorälen in alle Windrichtungen nicht verscheuchen konnte. Einer angeblichen Zeugin hatte man nicht geglaubt, dass gegen 11 Uhr ein Blitz in den Turm eingeschlagen hatte. Erst eine Stunde später bemerkten die Anwohner, dass der Turm Feuer gefangen hatte.

gig24 Michelbrand

Nun kann man sich vorstellen, dass ein 123 Meter hoher brennender Turm eine Gefahr für die in der Nachbarschaft stehenden Häuser darstellte. Nur wohin würde er fallen? Die Angst war groß, doch als es dann kurz vor 14 Uhr krachte, sank das Gebäude in sich zusammen und stürzte auf das Kirchendach. Letztendlich bedeutete das, dass keine Bürger zu Schaden kamen, aber so war auch das Kirchengebäude vollends zerstört. Das Feuer selbst glomm noch drei Tage auf alten Gräbern und vernichtete viele Gebeine berühmter Männer und Frauen.

Immerhin, denkt man an den großen Brand von 1842, kann man von Glück sagen, dass sich kein Feuer in der Umgegend durchfraß. Lediglich drei Häuser fielen den Flammen zum Opfer. Auch Menschenleben waren nicht direkt zu beklagen. Ein Zimmermann, der beim Löschen der Restglut half, fiel jedoch in eine Gruft und erlag Tage später seinen Verletzungen.

Wie auf der Tuschzeichnung zu sehen ist, sah der Michel damals noch anders aus als heute. Schon 1751 wurde der Grundstein für den Michel mit dem heutigen Aussehen gelegt und niemand ahnte, dass auch dieser Bau ein Raub der Flammen werden würde – glücklicherweise erst 1906 und diese Mal wurde er genau so aufgebaut, wie man ihn bis dahin kannte und auch heute noch kennt.

(Das Bild - eine zeitgenössische Tuschzeichnung - stammt aus dem Buch "Der Michel brennt" von Frank, Joachim W. [u.a.])

 

 

Quellen und Veröffentlichungen in der Bibliothek des VHG:

 

 

Pabel, Reinhold: Der Kleine und der Große Hamburger Michel, Hamburg 1986.

A.XII.3 / 013

 

Haas, Diether (Hrsg.): Der Turm : Hamburgs Michel : Gestalt und Geschichte, Hamburg 1986.

A.XII.3 / 040


Frank, Joachim W. [u.a.]: Der Michel brennt! Die Geschichte des Hamburger Wahrzeichens, Bremen 2006.

A.XII.3 / 049


Gretzschel, Matthias: Das Gruftgewölbe unter dem Michel. Hamburgs verborgene Geschichte, Hamburg 2005.

A.XII.3 / 052


Die große Michaeliskirche vor und nach dem Brande am 3. Juli 1906. Mit Ill. und 1 Gedicht: Old Michels Abschied von Hamborg von Carl Holst, Hamburg 1906.

A.XII.3 / 118

 

Reimers, Karl: Sankt Michaelis 1604 - 1904. Ein Überblick über die Geschichte der neustädtischen Gemeinde in Hamburg von Pastor Karl Reimers, Hamburg 1904.

A.XII.3 / 122

 

Wagner, Friedrich: Stand-Rede bey feyerlicher Legung des Grund-Steins zur großen St. Michaelis Kirche am 29. Juni 1751 gehalten. Nebst einer kurzen historischen Nachricht, Hamburg 1751.

A.XII.3 / 123

 

Westphalen, Adolf L.: Bericht des Branddirektors Westphalen betreffend den Brand der St. Michaliskirche und Umgebung in Hamburg am 3. Juli 1906, Hamburg 1906.

A.XII.3 / 124

 

 

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