Griff in die Geschichte (44) 

 

Von der Insel Veddel nach Ellis Island – 15 Jahre Auswanderermuseum BalllinStadt in Hamburg

 

von JR

 

Politische, ethnische, religiöse und wirtschaftliche Gründe (Krieg, Verfolgung, Ernteausfall, Hungersnot, Armut, Überbevölkerung, Arbeitslosigkeit) verursachten im 19. Jahrhundert mehrere Migrationswellen. Menschen aus vielen Ländern Europas suchten nach Möglichkeiten, ihrem Los zu entkommen. Die deutschen Reeder boten Ausreisewilligen eine Chance dazu: transatlantische Überfahrten von Bremerhaven und Hamburg in die Neue Welt und damit Aussicht auf ein besseres Leben.

Eine ab 1846 veröffentlichte Auswandererzeitung half den Menschen, sich über Ausreiseoptionen und Auswandererziele zu informieren. Darin gab es Berichte über Erfahrungen von bereits Emigrierten. Anzeigen warben für die Dienste von Spediteuren, Dolmetschern, Agenturen und von Reedereien aus Bremen, Hamburg, Rotterdam oder Antwerpen. Auswanderungsziele von Nordamerika, Brasilien bis Australien wurden angepriesen. Sprachlehrbücher und Taschenbücher wurden empfohlen.gig44 Ballinstadt 1

Eine Atlantiküberquerung verlangte den Reisenden viel ab, und nur die Hoffnung auf bessere Zeiten ließ sie die Strapazen durchstehen. Segelschiffe benötigten je nach Wetter 44 bis 50 Tage für die Überfahrt, Dampfer etwa 14 bis 20 Tage, und die Schnelldampfer schafften die Reise in rund 9 Tagen. Passagiere mit teuren Tickets hatten Kajüten, Platz und etwas Komfort auf ihrem Deck, wohingegen die Reisenden mit billigen Fahrkarten für das Zwischendeck sich mit eingeschränktem Platz, schlechter Luft und minderwertiger Verpflegung zufrieden geben mussten. Die schmalen zweistöckigen Holzpritschen, die als eine Art Betten dienten, mussten in drei Schichten belegt und alle acht Stunden gewechselt werden. Matratzen und Bettzeug mussten diese Passagiere neben ihrem schweren Gepäck auch noch mitbringen. Einige überlebten diese Reise nicht.

Das aufblühende Geschäft im Transport von Post, Fracht und insbesondere von Passagieren nach Amerika versprach gute Gewinne. Alle Reeder waren bemüht, diesen gewinnbringenden Markt für sich zu erobern. In den 1830er Jahren brachten Segelschiffe der Hamburger Schiffsmaklerfirma Rob. M. Sloman, mit Gründungsjahr 1793 die älteste deutsche Reederei, die ersten Auswanderer nach New York. 1850 setzte Sloman die bahnbrechenden Dampfer nach Amerika ein. Auch die Bremer Reederei Norddeutscher Lloyd schickte 1858 den ersten Dampfer nach Nordamerika.

Um nicht ins Hintertreffen zu geraten, gründete 1847 eine Gruppe hanseatischer Kaufleute die HAPAG –Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft. 1848 begann ihr Liniendienst zwischen Hamburg und New York erst mit Großseglern, dann ab 1855 mit Dampfschiffen.

Um die immer stärker werdende Konkurrenz zu überbieten, musste die HAPAG bessere Konditionen für die Ausreisenden anbieten. Für diese herausfordernde Aufgabe fand sie den richtigen Mann: Albert Ballin (1857–1918).

gig44 Ballinstadt 2Als Leiter der Passagierabteilung seit 1886 war es Ballins Ziel, das Geschäft mit den Auswanderern zu erhöhen. Dabei halfen ihm seine Erfahrung und seine Kontakte bei Morris & Co., Agentur für Auswanderer, die er von seinem Vater übernommen und die sich auf das Anwerben von Auswanderern aus Süd- und Osteuropa spezialisiert hatte. Ballin entwickelte den Plan, den Reisenden zahlreiche Anreize anzubieten, damit sie ihre Überfahrt bei HAPAG buchten.

Ballin entfernte die Kajüten und baute die Zwischendecks aus, um sich auf die Massen der wenig betuchten Auswanderer zu spezialisieren. So konnten die Preise reduziert werden, aber die Anzahl der Reisenden erhöht. Seine Idee war auch, Unterkünfte zur Verfügung zu stellen, wo sich die Reisenden vor ihrer Abfahrt aufhalten konnten, während sie auf ihre Genehmigungspapiere und Ausreisedokumente oder auf einen Passagenplatz warteten. Das konnte von einigen Tagen bis zu mehreren Wochen dauern. Gleichzeitig wurden sie medizinisch untersucht und einer Desinfektion unterzogen. Die ersten einfachen Baracken für Passagiere des Zwischendecks wurden durch die HAPAG ab 1892 am Amerikakai im heutigen Segelschiffhafen eröffnet.

Allerdings war sein Einfall nicht so ganz neu, denn bereits 1858 wurde ein Auswandererhaus von Angelus Steinhardt am Hafen in der Langereihe betrieben mitsamt einem Laden, in dem alle zur Reise benötigten Dinge gekauft werden konnten.

Ballin, ab 1899 Generaldirektor, unternahm weitere Anstrengungen, um sein Unternehmen für die Reisenden attraktiv zu machen. Auf der Elbinsel Veddel ließ er eine Art kleine Stadt mit fünfzehn Gebäuden erbauen. Die sogenannten Auswandererhallen wurden Ende 1901 eingeweiht. Jetzt gab es für die Emigranten verschiedene Annehmlichkeiten, die alle im Preis ihrer Fahrkarte enthalten waren. Es gab eine Krankenstation, eine Synagoge, zwei Kirchen, Speisehallen inklusive Mahlzeiten, Schlafsäle, Aufenthaltsräume. Sogar eine eigene Eisenbahnlinie wurde eingerichtet. Um den Andrang zu bewältigen, wurden bereits 1907 weitere fünfzehn Gebäude gebaut. Für die aus bedrängten Verhältnissen kommenden Menschen ein vielversprechendes Anzeichen der erwarteten Verbesserungen auf der anderen Seite des Atlantiks.

gig44 Ballinstadt 3Zwischen 1890 und 1914 emigrierten fünf Millionen Menschen über Hamburg in die Neue Welt. Auf Ellis Island im Hafengebiet von New York hatte ihre anstrengende Überfahrt ein Ende. Nach Durchlaufen von Gesundheitstests und Dokumentenkontrollen wurden die Emigranten zu Immigranten, die hoffnungsvolle Zukunft konnte beginnen. Wen die Behörden nicht akzeptierten, wurde allerdings auf Reedereikosten zurückgeschickt.

Mit untrüglichem Geschäftssinn und Unternehmergeist machte Ballin die Reederei HAPAG zur weltgrößten Schifffahrtslinie seiner Zeit, die ab 1888 Schnelldampfer nach New York einsetzte und 1906 zwei der größten Schiffe der Welt besaß. 1970 fusionierten die beiden Konkurrenten aus Bremen und Hamburg zur Hapag-Lloyd AG.

Um an die Bedeutung von Albert Balllin und die Geschichte der Hamburger Auswanderer zu erinnern, wurde auf dem Gelände der Auswandererhallen, von denen fast alle nach 1934 abgerissen wurden, ein Museum errichtet. Nach der Einweihung des Deutschen Auswandererhauses in Bremerhaven im August 2005 (bis 1875 der größte Auswandererhafen Kontinentaleuropas, über sieben Millionen Menschen schifften sich hier ein), eröffnete die BallinStadt im Juli 2007 ihre Tore; nach einer längeren Modernisierung fand eine weitere Eröffnung im Mai 2016 statt.

Das Museum gibt einen Überblick über die Bedingungen, unter denen die Ausreisenden wochenlang unter schwierigen Bedingungen ihre Fahrt nach Westen über den Ozean zu überstehen hatten. Eine Aufzählung der Ursachen für die Auswanderung informiert über die mannigfaltigen Hintergründe für das Verlassen der Heimat. Ausführliche Passagierlisten zeigen die Herkunft der Reisenden. Das Museum bietet auch die Möglichkeit, eigene Ahnenforschung zu betreiben.

Ein Rundgang durch die Ausstellungen führt dem Besucher vor Augen, welche Hürden die Auswanderer zu überwinden hatten bis ihre Reise auf der anderen Seite des Atlantiks in ein neues Leben führte.

 

 

 

 

Veröffentlichungen zum Thema in unserer Bibliothek:

 

Lamar Cecil, Albert Ballin. Wirtschaft und Politik im deutschen Kaiserreich. Hamburg 1969
A.III.4.f/026

 

Hans Jürgen Witthöft, Hapag-Lloyd – Über ein Jahrhundert weltweite deutsche Schifffahrt im Bild. Herford 1974
A.VI.3.c/008

 

Witthöft Hans Jürgen, Ballins dicke Dampfer. Herford 1974
A.VI.3.c/041

 

Otto J. Seiler, Brücke über den Atlantik. 135 Jahre Nordamerikafahrt – Hapag-Lloyd 1848 - 1983.
Hamburg 1983
A.VI.5/053

 

Ballinstadt: Das Auswanderermuseum Hamburg. Hamburg [2010]
A.XI.03.d/068

 

Schürmann Klaus, Die Geschichte der Auswanderer: Ballinstadt. Hamburg 2007
A.XIV.1/009

 

Tsaniou Styliani, Die Ballinstadt auf der Veddel. Ein sozialwirtschaftsgeschichtlicher Beitrag zur Erforschung, Entstehung und Funktion der Auswandererhallen. Hamburg 2007
A.XIV.1/013

 

Gerhardt Johannes, Albert Ballin. Hamburg 2009
A.XIV.2/0002-06

 

Straub Eberhard, Albert Ballin, der Reeder des Kaisers. München 2001
A.XIV.2/0073

 

Hildegard von Marchtaler, Die Slomans. Geschichte einer Hamburger Reeder- und Kaufmannsfamilie. Hamburg 1939
A.XIV.2/1545

 

 

 

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