Griff in die Geschichte (19) 

100 Jahre Universität Hamburg 1919-2019

von Lilja Schopka-Brasch

 

 

 

In diesem Jahr feiert die Universität Hamburg ihr hundertjähriges Bestehen. Einen Geburtstag zu feiern, ist nicht so einfach, denn es gibt zwei Gründungserzählungen, die sich auf zwei unterschiedliche Daten beziehen. gig19 LuethjeTraditionell wird und wurde der 10. Mai 1919, der Tag der Eröffnung, als Jubiläumstag gefeiert. An diesem Tag gab es in der Musikhalle einen festlichen Eröffnungsakt. Der zuständige Senator und Erste Bürgermeister der Stadt, Werner von Melle, der – gemeinsam mit den bürgerlichen „Universitätsfreunden“ – lange für eine Universität in Hamburg gekämpft hatte, sprach das Grußwort für die Stadt und galt als eigentlicher „Gründungsvater“ der Universität. Diese Traditionslinie, die an die lange Vorgeschichte der Universität anknüpfte, wurde von der Mehrheit der Universitätsangehörigen gepflegt und tradiert. Mit der Einführung von Talaren, die 1927 konservativen Professoren gelang, reihte sich die Professorenschaft sichtbar ein in die Tradition „ehrwürdiger“ Universitäten, und die Hamburgische Universität erschien in dieser Erzählung als eine der 23 deutschen Universitäten, ohne sich grundlegend von den anderen Hochschulen zu unterscheiden.

Die andere Gründungserzählung beginnt mit der 3. Sitzung der neuen, erstmals demokratisch gewählten Bürgerschaft am 28. März 1919. In dieser Sitzung wurde die Hamburgische Universität per Gesetz, durch den Beschluss eines demokratisch legitimierten Parlaments, gegründet – ein Novum in der deutschen Geschichte. Die SPD, die nun über die absolute Mehrheit verfügte, plante die erste demokratische Universität in Deutschland, eine Reformuniversität, die der neuen Zeit entsprach, mit „freiester Verfassung und freiesten Zulassungsbedingungen“, so der spätere Schulsenator und Sozialdemokrat Emil Krause in der entscheidenden Sitzung. Im Sommersemester 1919 schrieben sich 1.729 Studierende ein, darunter 212 Frauen. gig19 IMG 2569Aufgrund ihrer späten Gründung gehörte die Hamburgische Universität zu den wenigen Universitäten, an denen Frauen von Anfang an formal gleichberechtigt zugelassen waren. Anziehend für Studentinnen war ein freierer Geist, den sie hier zu finden hofften, eine Umgebung, in der Frauen „nicht per se als Eindringlinge“ angesehen wurden. Ein demokratischer Geist wurde jedoch nur von einer Minderheit gepflegt, der Großteil der Professorenschaft wie der Studierenden hing traditionellen, elitären Universitätsvorstellungen an. Die Idee einer Reformuniversität wurde von zu wenigen getragen, um verwirklicht werden zu können. Mit der Machtübertragung auf die Nationalsozialisten 1933 war es mit der Freiheit der Lehre und des Lernens dann vorerst vollständig vorbei. Erst das Hamburger Universitätsgesetz von 1969 gewährleistete 50 Jahre nach der Gründung den Wechsel von der Ordinarien- zur Reformuniversität, in der alle Gruppen innerhalb der Universität Mitspracherechte erhielten. So wurde der Weg frei, um Lehre, Lern- und Arbeitsformen grundlegend zu reformieren. Die Studierendenzahlen stiegen enorm, allerdings wurde seit den 1980er Jahren die staatliche Finanzierung stetig zurückgefahren, was in den 1990er Jahren massive Stellenstreichungen zur Folge hatte. Überfüllte Hörsäle und Seminare gehörten somit zu den immer schwieriger werdenden Studienbedingungen.
50 Jahre nach dem Erlass des Universitätsgesetzes bleibt zu fragen, was von dessen demokratischem Gehalt übriggeblieben ist. Neue Universitätskonzepte fokussieren wieder stärker auf Auswahl und Beschränkung – sowohl im Fächerangebot als auch bei den Studierenden. Es bleibt spannend, wie sich Forderungen nach Exzellenz einerseits und Bildung für alle andererseits in einer Universität verwirklich lassen.

 

 

Quellen und Literatur zum Thema in der VHG-Bibliothek:

 

In unserer Bibliothek finden Sie zur Geschichte der Universität Hamburg über 40 Titel – die durch die ab 2019 erscheinende "Kleine Geschichte der Universität Hamburg" von Rainer Nicolaysen sowie - ausführlicher - die Bände der Publikation „100 Jahre Universität Hamburg“ ergänzt werden. Im Folgenden eine Auswahl:

 

Fiege, Hartwig: Die Lehrerbildung im Pädagogischen Institut der Universität Hamburg von 1945 bis 1969 (Beiträge zur Geschichte Hamburgs, 42). Hamburg 1991.
A.I.2 / 008.42

Die Hamburger Universitätsmedizin im Nationalsozialismus: Forschung – Lehre – Krankenversorgung hg. von Hendrik van den Bussche (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, Bd. 24). Berlin und Hamburg 2013.
A.VIII.1 / 115

Schopka-Brasch, Lilja: „Ich wollte keine Hausfrau sein, ich wollte Ärztin sein!“ Studentinnen in Hamburg und Oslo zwischen den Weltkriegen (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, Bd. 20). Berlin und Hamburg 2012.
A.XI.02 / 40

Melle, Werner von: Dreißig Jahre Hamburger Wissenschaft 1891-1921. Rückblicke und persönliche Erinnerungen. 2 Bde. Hamburg 1923/24.
A.XI.02 / 110.1 und A.XI.02 / 110.2

Der Forschung? Der Lehre? Der Bildung? Wissen ist Macht! 75 Jahre Hamburger Universität. Studentische Gegenfestschrift zum Universitätsjubiläum 1994, hg. von Stefan Micheler und Jakob Michelsen im Auftrag des Allgemeinen Studierendenausschusses der Universität. Hamburg 1994.
A.XI.03.b. /01

Universität Hamburg 1919-1969 [= Festschrift zum 50. Gründungstag der Universität Hamburg]. o. O. o. J. [Hamburg 1970].
A.XI.03.b / 08

100 Jahre Geschichtswissenschaft in Hamburg, hg. von Rainer Nicolaysen; Axel Schildt (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, Bd. 18). Berlin und Hamburg 2011.
A.XI.03.b / 11

Nicolaysen, Rainer (Hg.): Das Hauptgebäude der Universität als Gedächtnisort. Mit sieben Portraits in der NS-Zeit vertriebener Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Hamburg 2011.
A.XI.03.b / 017

Jendrowiak, Silke: Der Forschung – der Lehre – der Bildung. Hamburg und seine Universität. Hamburg 1994.
A.XI.03.b / 018

Nicolaysen, Rainer: „Frei soll die Lehre sein und frei das Lernen.“ Zur Geschichte der Universität Hamburg. Hamburg 2008
A.XI.03.b / 72

Lüthje, Jürgen (Hg.): Universität im Herzen der Stadt. Eine Festschrift für Dr. Hannelore und Prof. Dr. Helmut Greve. Hamburg 2002.
A.XI.03.b / 073

Gelebte Universitätsgeschichte: Erträge jüngster Forschung Eckart Krause zum 70. Geburtstag, hg. von Anton F. Guhl; Malte Habscheidt; Alexandra Jaeger (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, Sonderband). Berlin und Hamburg 2013.
A.XI.03.b / 150

Hochschulalltag im "Dritten Reich". Die Hamburger Universität 1933 – 1945, hg. v. Eckart Krause; Ludwig Huber; Holger Fischer. 3 Teile (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, Bd. 3). Berlin und Hamburg 1991.
A.XI.03.b / 151

Rein, Adolf: Die hansische Universität, hg. von der Landesbildstelle Hansa und der Hansischen Universität Hamburg. (Bilder der Niederdeutschen Heimat, Sonderheft) Hamburg o. J. [1937]
A.XI.03.b / 183

Bottin, Angela, unter Mitarbeit von Rainer Nicolaysen: Enge Zeit. Spuren Vertriebener und Verfolgter der Hamburger Universität (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, 11). Berlin/Hamburg1992.
A.XI.03.d / 078

 

 

 

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nathan ben britt 2018Nathan Ben-Brith (1923-2018), der Autor des Bandes "Mein Gedächtnis nimmt es so wahr. Erinnerungen an den Holocaust", ist nicht lange vor seinem 95. Geburtstag in Israel verstorben. Der Vorstand des Vereins für Hamburgische Geschichte ist in Gedanken bei seiner Familie.

Zur Vorstellung seiner Holocaust-Erinnerungen am 30. September 2015 war der Verstorbene aus Israel nach Hamburg angereist. Den Anwesenden im gut besuchten Vortragsraum der Staatsbibliothek gab er damals gern Auskunft und stand anschließend zur Signierung seines Buches bereit.

(Foto: Gesche-M. Cordes)

Griff in die Geschichte (11)

Die Cholera in Hamburg

Von Lilja Schopka-Brasch

Vor 125 Jahren, Mitte August 1892, brach in Hamburg die Cholera aus. Es war die letzte, aber auch die verheerendste Cholera-Epidemie in der Hansestadt. Sie verbreitete sich rasant, etwa 17000 Menschen erkrankten, mehr als 8600 starben innerhalb weniger Wochen. Heftiger Brechdurchfall und Krämpfe waren die Symptome. Allerdings waren Brechdurchfälle, besonders im Sommer, eine übliche Erscheinung und bevor der Nachweis des Erregers nicht zweifelsfrei erbracht war, wollten Ärzte und die zuständigen Behörden keine Warnungen aussprechen. Hier und da wurden Befürchtungen laut, es könne Cholera sein. Doch erst mehr als eine Woche nach dem ersten Todesfall bestätigten die Behörden diesen Verdacht.

Woher der Cholera-Erreger kam, ob durch Auswanderer aus Russland, wo die Cholera schon seit Juli wütete, oder aus Frankreich, wo ebenfalls Erkrankungsfälle aufgetreten waren, ist nicht zweifelsfrei geklärt. Sicher ist jedoch, dass sie sich über das Elbwasser verbreitete, das ungefiltert in die Hamburger Haushalte gelangte. Hamburg hatte 1892 noch keine effektive Wasserreinigung, eine entsprechende Anlage war noch im Bau. Nicht nur die Wasserversorgung war unzureichend, sondern auch die Abwasserentsorgung. Vor allem in den Hinterhöfen und Gängevierteln, den dichtbevölkerten Wohnquartieren der Armen, waren die hygienischen Zustände katastrophal. Hier fanden sich auch die meisten Opfer der Epidemie.

Der erste Verdachtsfall trat in der Hansestadt am 16. August auf, die sichere Diagnose konnte erst am 22. August gestellt werden. Und erst dann wurden Gegenmaßnahmen diskutiert und langsam umgesetzt. Dazu gehörten Aufrufe an die Bevölkerung, nur abgekochtes Wasser zu verwenden sowie die Bereitstellung von Desinfektionsmitteln. In Turnhallen wurden Desinfektionsanstalten eingerichtet, wo infizierte Kleidung hingebracht werden konnte. In der ersten Zeit mussten die Haushalte mit Erkrankten ihre Wohnungen selber desinfizieren, später übernahmen das so genannte Desinfektionskolonnen. Eine Meldepflicht über Krankheitsfälle wurde eingeführt. Tag und Nacht rumpelten die Krankentransporte durch die Straßen, hoben die Totengräber in Ohlsdorf Gräber aus.

gig cholera 1

Die Kapazitäten der Krankenhäuser reichten nicht aus, um die Erkrankten aufzunehmen. Auf dem Gelände des Allgemeinen Krankenhauses in Eppendorf wurden Baracken errichtet und ein Militärlazarett eingerichtet. Auch in anderen Stadtteilen standen bald die so genannten Cholerabaracken, was große Befürchtungen unter den Anwohnern auslöste. Unter der Überschrift „Nothschrei vom Schlump“, erregte sich ein Bürger über die Errichtung solcher Baracken „mitten in einer dichtbevölkerten Gegend“. „Im Namen aller Bewohner“ protestierte er „gegen diese geradezu barbarische Maßregel“. Die Zeitung versicherte zwar, dass eine „Ansteckung durch die Luft nach Ansicht aller Autoritäten ausgeschlossen“ sei, doch die Sorge, die Cholera könne über die Luft übertragen werden, war verbreitet. 

Ende August erreichte die Epidemie ihren Höhepunkt, dann ebbte sie langsam ab. Doch erst Mitte November konnten die Hamburger aufatmen und Hamburg als frei von Cholera erklärt werden. Nun wurde eine Reihe längst fälliger Maßnahmen zur Verbesserung der hygienischen Bedingungen umgesetzt. Der Bau der Filteranlage für das Hamburger Leitungswasser wurde vorangetrieben und 1893 fertiggestellt, ebenso wurde die Kanalisation ausgebaut. Das Gesundheitssystem wurde reformiert, ein Hygiene Institut wurde eingerichtet, ein Hafenarzt eingesetzt und die Hamburger Ärztekammer gegründet. Und auch die Gängeviertel verschwanden nach und nach aus dem Stadtbild.

  

Quellen und Literatur zum Thema in der VHG-Bibliothek:

 

Bojahr, Ralf: Das hygienische Institut der Freien und Hansestadt Hamburg. Entwicklung, Aufgaben und Tätigkeit für die Bevölkerung Hamburgs in den Jahren 1892 bis 1986. Hamburg 1987.
A.VIII.1/001

Büttner, Annett: „Nachricht aus der Stadt des großen Elends.“ Die Pflege der Cholerakranken in Hamburg im Jahr 1892 durch Kaiserswerther Diakonissen. In: ZHG 93, Hamburg 2007.
A.1.2/198

Deneke, Theodor: Die Hamburger Choleraepidemie von 1892. In: ZHG 93, Hamburg 1949 [der Artikel wurde 1942 in Teilen in der Medizinischen Wochenschrift gedruckt].   
A.1.2/198

Evans, Richard J.: Tod in Hamburg. Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholerajahren 1830 -1910. Ausdem Englischen von Karl A. Klewer. Reinbek bei Hamburg 1990.     
A.VIII.1/038

Ders.: Death in Hamburg. Society and politics in the cholera years 1830-1910. Oxford 1987.
A.VIII.1/039

Griese, Carl: Zum Besten des Nothstandes. Aus schwerer Zeit. Aus Tageblättern gesammelt von Carl Griese, nebst Anhang von Originalzeichnungen Hamburger Künstler. Hamburg 1892.           
A.VIII.1/055

Ders.: Bericht des Sicherheits-Comités für den Vorort Rotherbaum, mit 9 Skizzen inficierter Wohnungen mit einem Übersichtsplan in Farbdruck. Hamburg 1893.                  
A.VIII.1/004

Huch, Ricarda: Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren. Berlin o. J. 
A.XI.7a/75

Im Kampf gegen die Seuche hrsg. v. d. Schülke und Mayr AG Hamburg rückblickend auf fünfzig Jahre „Lysol“. Köthen o. J. [1939].           
A.VIII.1/151

Michael, J.: Geschichte des Ärztlichen Vereins und seiner Mitglieder: Den Mitgliedern zum 80.jährigen Stiftungsfeste gewidmet. Hamburg 1896.
A.VIII.1/112

Rosenfeld, Angelika: Hamburg in den Zeiten der Cholera hrsg. v. d. Behörde für Arbeit und Soziales. Veranstaltung zur Erinnerung an die Epidemie 1892.  Hamburg 1992. 
A.VII.1/004

Dies.:„Ich vergesse, daß ich mich in Europa befinde!“ Geschichte der Hamburger Cholera-Epidemie von 1892. 
A.VII.1/041

Griff in die Geschichte (13) 

Bergedorf seit 150 Jahren in Gänze hamburgisch

Von Dominik Kloss

 

Im Südosten Hamburgs liegt mit Bergedorf ein Städtchen, das heute einem Stadtteil und Bezirk der Metropole seinen Namen gibt, dessen Geschichte aber zugleich eine langwährende Besonderheit birgt. Denn schon seit 1420 wurden Bergedorf (das zu diesem Zeitpunkt bereits seit über 250 Jahren bestand) und die sich südlich davon bis zur Elbe erstreckenden Vierlande gemeinsam von Hamburg und Lübeck regiert. Dieses zumindest in Norddeutschland ungewöhnliche staatsrechtliche Konstrukt einer „beiderstädtischen Herrschaft“ (die zudem noch Geesthacht und – immerhin bis 1865 – den halben Sachsenwald umfasste), endete erst am 1. Januar 1868 – vor nunmehr 150 Jahren.

gig bergedorf 1Das Datum stellt in vielerlei Hinsicht eine Zäsur dar. Vor 1868 kann Bergedorf, das den Hamburger und Lübecker Stadtregierungen vor allem als administratives Zentrum für die landwirtschaftlich bedeutsamen Vierlande diente, als so etwas wie eine Kolonie gelten, in der sich die spätmittelalterlich etablierte Verwaltungspraxis nur minimal veränderte. Augenfällig wurde dies dadurch, dass die beiderstädtischen Amtsträger als Hauptleute durchgehend auf dem Schloss Bergedorf residierten (immer im stetigen Wechsel), wo sie nicht nur Gerichtssitzungen vorsaßen, sondern auch Erbschaften und Hofverkäufe registrierten. Zwar gab es mit den Land- bzw. Bauernvögten und dem kleinen Stadtrat von vier Personen gewählte Interessenvertreter, doch ein eigenes Rathaus wurde den Bergedorfern nicht zugestanden. Etwaige Beschwerden gegenüber allzu feudaler Amtsführung der „Zween Herren“ auf dem Schloss (seit 1620 sogar auf Lebenszeit) konnte man nur bei den regelmäßigen Kontrollbesuchen durch Hamburger und Lübecker Ratsdelegationen, den sogenannten Visitationen, vorbringen. Der Charakter als kleines Landstädtchen von Hamburgs und Lübecks Ganden spiegelte sich auch in den Bevölkerungszahlen wieder: mit etwas über 3000 Einwohnern in den 1860er Jahren hatte Bergedorf seit den 2000 Einwohnern des Jahres 1700 zwar an Größe gewonnen, doch ging ein Großteil dieses Zuwachses erst auf das Konto der 1842 eröffneten Eisenbahnlinie nach Hamburg bzw. deren 1846 erfolgten Weiterführung nach Berlin.

Der Eisenbahnbau sollte der erste Vorbote des Wandels sein. Von ihm profitierten auch die angrenzenden Nachbargemeinden Lohbrügge und Sande, in denen unter neuer preußischer Oberhoheit schon 1864 die Industrialisierung vorangetrieben und wenige Jahre später die Gewerbefreiheit durchgesetzt wurde. Der Druck Preußens war gleichsam ausschlaggebend dafür, dass das erst zögerliche Hamburg nun einwilligte, Lübecks Anteile an Bergedorf und den Vierlanden gänzlich zu übernehmen – drohte doch deren Abtretung an das seit 1865 preußische Herzogtum Lauenburg. Festgeschrieben wurde der Rückzug Lübecks aus der beiderstädtischen Herrschaft für den Preis von 200.000 Taler preußisch Courant am 8. August 1867 in einem Vertrag, der wie besagt Anfang 1868 in Kraft trat.

gig bergedorf 3Schon bevor dann im Januar 1873 mit der Einführung der Hamburgischen Landgemeindeordnung weitreichende Veränderungen im Verwaltungsalltag der nunmehrigen „Landherrenschaft Bergedorf“ festgeschrieben wurden, zeigten sich aber bereits die Folgen der neuen Regelung. Die erst 1861 eingeführten Bergedorfer Briefmarken waren obsolet geworden und der Wegfall der Zollgrenzen im Februar 1868 begünstigte nunmehr die Ansiedlung von Handwerksbetrieben und Fabriken: zum bereits florierenden Sander Eisenwerk gesellten sich bald Tabak-, Glas- und Kandisproduktion als Vorboten der großen Industrien, die sich seit den frühen 1880er Jahren in Bergedorf etablierten. Der Bedarf an Arbeitskräften schlug sich nicht lange darauf in einem rasanten Bevölkerungswachstum nieder: Um 1900 hatte Bergedorf bereits die 10000er-Marke überschritten und auch das benachbarte Lohbrügge kam zu diesem Zeitpunkt bereits auf 5000 Einwohner.

Das frühe 20. Jahrhundert sah dann in Bergedorf im Kleinen ganz ähnliche Maßnahmen, wie sie in Hamburg im Großen umgesetzt wurden: Hafen- und Kanalisationsausbau, die Anlage von Durchbruchstraßen, ferner den Bau von Wohnvierteln, Schulen und schließlich Behördengebäuden – 1927 konnte man das mindestens seit drei Jahrhunderten geforderte eigene Rathaus endlich beziehen. Wenngleich von kurzlebiger Dauer – zehn Jahre darauf wurde dieser Rechtstatus im Zuge des Groß-Hamburg-Gesetzes bereits wieder beschnitten – so hat Bergedorf doch seine offizielle Rolle als „Stadt“ (und nicht mehr nur als „Städtchen“) innerhalb des Stadtstaates Hamburg offenkundig recht gut auszufüllen vermocht.

Die an Kuriositäten reiche Geschichte Bergedorfs und der Vierlande bis 1868 und ihrer vielfältigen Entwicklungen seither mag sich im gegenwärtigen Selbstverständnis der Bewohner des hamburgischen Südostens zuweilen noch wiederspiegeln – auf jeden Fall aber tut sie dies an verschiedenen Stellen unserer Vereinsbibliothek, wo sie in vielgestaltigen Publikationen (unten eine Auswahl) zur Lektüre einlädt. 

 

Quellen und Literatur zum Thema in der VHG-Bibliothek:

 

Bergedorfer Personenlexikon, hg. v. Olaf Matthes und Bardo Metzger (Museum für Bergedorf und die Vierlande), Hamburg ²2003.
A.II.4.f/041

Daur, Georg und Hudemann, Hildegard: Bergedorf, Vier- und Marschlande, Hamburg 1974.
A.II.4.f/048

Das Bergedorfer Schloss. Een sloten Huß. Entstehung - Funktionen – Baugeschichte, hg. v. Victoria Overlack, (Stiftung Historische Museen Hamburg), Hamburg 2008.
A.II.4.f/051

Römmer, Christian: 850 Jahre Bergedorf. Eine Stadtgeschichte (Kultur- & Geschichtskontor), Hamburg 2012.
A.III.6.d/040

Kellinghusen, Hans: Das Amt Bergedorf. Geschichte seiner Verfassung und Verwaltung bis 1620 (I. und II. Teil), Diss. Universität Göttingen, Hamburg 1908.
A.III.6.d/085

Knorr, Martin: Vom Holstentor in Bergedorf, in: Bergedorf. Aus Geschichte und Kultur; Lichtwark-Heft Nr. 40 (Dezember 1977), S. 2-13.
A.III.6.d/118

Geschichte der Stadt Bergedorf, zus. gest. von Georg Staunau; mit Lichtdruckbildern von Carl Griese und Zeichnungen von Oskar Schwindrazheim, Hamburg 1894.
A.III.6.d/171

 

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Griff in die Geschichte (14) 

Lessing und der Traum vom Hamburger Nationaltheater

Von Antje Büttner

 

Theater am Gänsemarkt, Aquarell um 1827Hamburg, der 22. Januar 1768: Gotthold Ephraim Lessings 39. Geburtstag. Er feierte ihn mit Freunden und den örtlichen Geschäftspartnern im alten Ratskeller, später in geselliger Runde in der Wohnung des Kaufmanns Engelbert König und seiner Familie am Neuen Wall.

Seit fast einem Jahr arbeitete er nun als Dramaturg am neu gegründeten Hamburger Nationaltheater, das als erstes ausschließlich von engagierten Bürgern geleitet wurde. Die sogenannte Hamburger Entreprise bestand aus einem Konsortium von zwölf leitenden Mitgliedern, an der Spitze der Hauptfinanzier Abel Seyler. Der ehemalige Schauspieler undDramendichter Johann Friedrich Löwen übernahm die Position des Theaterdirektors. Sitz des Theaters wardas von Theaterprinzipal Konrad Ackermann 1765 neu errichtete Comoedienhaus am Gänsemarkt. Ausgestattet mit zwei Rängen und einem Stehparterre bot es über 800 Besuchern Platz. Inneneinrichtung und Requisiten wurden von Ackermann übernommen, den man auch als Schauspieler mit dem Großteil seiner ursprünglichen Truppe engagierte.

Angestrebt war ein öffentlich subventioniertes Haus nach dem Vorbild des 1748 gegründeten Kopenhagener Nationaltheaters. Es sollte dazu beitragen die Entwicklung des deutschsprachigen Theaters zu fördern und eine Veränderung des Spielplans herbeiführen, d.h. die Emanzipation von der italienischen Oper und dem französischen Drama. Im November 1766 wurde das Vorhaben von Löwen öffentlich gemacht und Kontakt zu Lessing aufgenommen.

„Wir kündigen dem Publico die vielleicht unerwartete Hoffnung an, das deutsche Schauspiel in Hamburg zu einer Würde zu erheben, wohin es unter anderen Umständen niemals gelangen wird [...] so lange die Aufmunterung und der edle Stolz der Nachahmung unter den Schauspielern selbst fehlt; so lange man die Dichter der Nation nicht zu Nationalstücken anzufeuern gewohnt ist, und so lange vorzüglich die theatralische Policey, sowohl auf der Bühne in der Wahl der Stücke, als auch bey den Sitten der Schauspieler selbst, eine ganz fremde Sache bleibt; so lange wird man umsonst das deutsche Schauspiel aus seiner Kindheit hervortreten sehen.“

Nach der Absage auf eine angestrebte Stelle als Bibliothekar in Berlin nahm Lessing das Angebot der Entreprise an für 800 Taler im Jahr die Bemühungen des neuen Theaters kritisch zu begleiten. Eine Anstellung als Hausautor lehnte er ab. Mit einer fast fertigen Fassung der "Minna von Barnhelm“ und hehren, der Aufklärung geschuldeten Plänen zur Verbesserung von Inszenierungspraxis, Ausdrucksmöglichkeiten der Schauspieler und der Auswahl der Stücke traf er in Hamburg ein. Seine Kritiken brachte er unter dem Titel "Hamburgische Dramaturgie" heraus. Zunächst angelegt als zweimal wöchentlich erscheinende Theaterzeitschrift entstand daraus schließlich ein zweibändiges Werk (bestehend aus 104 „Stücken“) das immer noch zu den Hauptwerken der Theatertheorie gehört.Zur Eröffnung des Nationaltheaters am 22. April 1767 erschien die Ankündigung, zwei Wochen später die erste Ausgabe: „Diese Dramaturgie soll ein kritisches Register von allen aufzuführenden Stücken halten und jeden Schritt begleiten, den die Kunst, sowohl des Dichters, als des Schauspielers, hier tun wird.“

Cover LessingNeben den Aufführungsrezensionen finden sich darin Anmerkungen zur Darstellungskunst allgemein, Gedanken zur Poetik des Aristoteles, Analysen verschiedener Dramen, dem Verhältnis von Tragödie und Komödie, Auseinandersetzungen mit dem Werk Gottscheds und dem französischen Theater. Aus seinen Erkenntnissen der griechischen Tragiker und den Stücken Shakespeares entstand eine grundlegende Theorie des deutschen Dramas samt Anleitung zu ihrer Verwirklichung. Hauptanliegen Lessings war es das bürgerliche Theater als eine "Schule der Menschlichkeit, des Gefühls und der moralischen Welt" zu etablieren. Aber aller Anfang blieb schwer: In Hamburg wurde ihm die Anerkennung für seineambitionierten Bemühungen verwehrt. Die Schauspieler verbaten sich nach kurzer Zeit die kritische Beurteilung ihrer Darstellung, das Hamburger Publikum begeisterte sich nur mäßig für das neue bürgerliche Schauspiel. „Die Minna von Barnhelm“,( UA 30. September 1767), außerhalb vonHamburg lange die meistgespielte Komödie ihrer Zeit, musste schon kurz nach der Premiere mitdem Einsatz von Luftakrobaten dem vorherrschenden Geschmack angepasst werden. Auch im Spielplan fanden sich nur wenige der angestrebten neuen Werke, immer noch waren französische Stücke in deutscher Übersetzung vorherrschend.

Aufgrund diverser Streitigkeiten innerhalb des Konsortiums und dem Mangel ausreichender Mittel, die öffentliche Finanzierung blieb aus, schloss das Theater im November 1768 endgültig. Schon zwischen Dezember und April 1768 wurde nicht mehr gespielt. Die letzten Ausführungen der Hamburgischen Dramaturgie erschienen zu Ostern 1769. "Der süße Traum, ein Nationaltheater hier in Hamburg zu gründen, ist schon wieder verschwunden: und so viel ich diesen Ort nun habe kennen lernen, dürfte er auch wohl gerade der sein, wo ein solcher Traum am spätesten in Erfüllung gehen wird."

Lessing zog weiter nach Wolfenbüttel, wo er im April 1770 eine Anstellung als Leiter der herzoglichen Bibliothek annahm. Trotz aller Widrigkeiten verließ er Hamburg mit vielerlei Anregungen für die Erschaffung weiterer Werke, darunter das Paradestück der Aufklärung "Nathan der Weise". Auch die Idee des Nationaltheaters fruchtete: Abel Seyler, Vorstand der Entreprise übernahm 1777 das Mannheimer Theater unter der Bezeichnung "Nationalschaubühne". Weitere fürstliche Theaterhäuser nahmen die Idee des bürgerlichen Theaters auf.

Am Gänsemarkt erinnert das Denkmal von Friedrich Schaper (1881) an Lessings kurzen, äußerst produktiven Aufenthalt in der Hansestadt. Seit November 2016 steht es restauriert wieder am richtigen Platz. Der Blick des Dichters gerichtet auf den ehemaligen Standort des Hamburger Nationaltheaters.

Das Thalia- Theater veranstaltet seit 2009 zu Ehren des großen Theaterdichters und Denkers Ende Januar die Lessingtheatertage. In diesem Jahr wurde im Rahmen der Veranstaltungsreihe der Lessingpreis, 1929 vom Senat anlässlich des 200. Geburtstages von Gotthold Ephraim Lessing gestiftet, an die Offenbacher Philosophieprofessorin Juliane Rebentisch verliehen. Die Auszeichnung geht alle vier Jahre an Schriftsteller oder Gelehrte, die sich im Sinne Lessings den Maximen der Aufklärung verpflichtet fühlen: "... für die stete Bereitschaft zur grundlegenden Diskussion; für den Appell an die Vernunft, die sich Ihrer Grenzen bewusst ist; gegen das Zwielicht betörender Phrasen; für die verehrende Betrachtung des Schönen und das unablässige Ringen um das Wahre und Klare."

 

Quellen und Literatur zum Thema in der VHG-Bibliothek:

 

Lessing in Hamburg, Heinrich Meyer-Benfey, in Vorträge und Aufsätze Verein für Hamburgische Geschichte, Heft 4, Hamburg 1929.
A.I.2/ 185.04

Lessing und Hamburg. 1729-1929. Festgabe zur Zweihundertjahrfeier der Geburt des Dichters, Hamburger Staats-und Universitätsbibliothek, Hamburg 1929.                     
A.XI.07.c/ 100

Lessing in Hamburg. 1766-1770, Jan Philipp Reemtsma, München 2007.
A.XI.01/ 103

“Von Lessing ist keine Notiz zu nehmen”. Zum 250. Geburtstag des Aufklärers vom Gänsemarkt, von Franklin Kopitzsch, Hamburg Porträt, Heft 13/79 Museum für Hamburgische Geschichte, Hamburg 1979.
A. XI 7a / 099

Lessing am Gänsemarkt: die Geschichte eines Denkmals, Rolf Appel, Hamburg 2004
A.II.5/ 085

Lessing und die Zeit der Aufklärung, Göttingen 1968.
A.XI 1/ 101

“Ich küsse Sie tausendmal”- Das Leben der Eva Lessing. Biographie, Petra Oelker, Berlin 2008.
A.XI. 07a / 125.6 

Zu den Auseinandersetzungen Lessings mit dem Hamburger Hauptpastor Goetze in den 1770er Jahren siehe den Beitrag "Ein berühmter Disput: Der Fragmentenstreit".

 

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Griff in die Geschichte (15) 

Johannes Brahms

gig15 brahms

Im Mai 2018 jährte sich zum 185. Mal der Geburtstag eines für die deutsche und europäische Musikwelt wichtigen Pianisten, Dirigenten, Chorleiters und Komponisten: Johannes Brahms. Er schrieb Klaviermusik, Orchesterwerke, Kammermusik mit und ohne Klavier, Orgel- und Chorwerke sowie unzählige Lied- und Stoffvertonungen. Das Deutsche Requiem, die Ungarischen Tänze und das Lied „Guten Abend, Gute Nacht“ sind berühmt.

Geboren in der Hamburger Neustadt zeigte sich schon früh seine musikalische Begabung. Mit 7 Jahren erhielt Brahms Klavierunterricht, mit 10 Jahren hatte er den ersten öffentlichen Auftritt, mit 14 Jahren erteilte er Klavierstunden, veröffentlichte mit 16 Jahren Klavierkompositionen, unternahm mit 20 Jahren die erste kleine Konzertreise und schrieb in den folgenden Jahrzehnten fast jährlich mehrere Kompositionen. Die erste Uraufführung in Hamburg allerdings erfolgte erst im März 1859.

Mit 21 Jahren machte Brahms die Bekanntschaft von Robert und Clara Schumann. Robert Schumann förderte das junge Talent, nach seinem Tod 1856 entwickelte sich eine mehr als 40jährige prägende Freundschaft zwischen Clara Schumann und Johannes Brahms, sie traten in gemeinsamen Konzerten auf. Wichtig in Brahms Leben waren u.a. auch Joseph Joachim, bedeutender Geiger, Dirigent, Konzertmeister und Komponist; Hans von Bülow, Klaviervirtuose und Kapellmeister;  Heinrich von Herzogenberg, selbst Komponist, und seine Ehefrau Elisabeth, eine Pianistin; Julius Stockhausen, Dirigent und Sänger; der Lyriker und Schriftsteller Klaus Groth, dessen Gedichte Brahms vertonte, sowie Max Kalbeck, der Anfang der 1900er Jahre eine Biographie von Brahms veröffentlichte. Sehr viele mehr wären zu nennen.

Johannes Brahms hatte nur zeitweise eine geregelte Tätigkeit mit einem festen Einkommen, so war er nach 1857 für 3 Jahre in Detmold jeweils einige Monate eines Jahres als Hofpianist und Chordirigent am Fürstlichen Hof tätig, ab Herbst 1863 für 6 Monate Chormeister der Wiener Singakademie, Ende 1871 bis Frühjahr 1875 war er erneut in Wien als Künstlerischer Direktor der Gesellschaft der Musikfreunde. Im Lauf der Zeit konnte er von seinen Einnahmen durch Veröffentlichungen und Konzertreisen leben und sich als freischaffender Künstler niederlassen. Zwischen häufigen Reisen im In- und Ausland und zahlreichen mehrtägigen Wanderungen durch die Natur lebte Brahms über die Jahre für längere Perioden in Hamburg, Baden-Baden und hauptsächlich Wien, wo er etwa 35 Jahre wohnte.

Brahms, hochgeachteter Pianist, Chorleiter, Dirigent und Komponist von Vokal- und Instrumentalwerken erhielt zahlreiche Ehrungen, beispielsweise 1887 den Orden Pour  le Mérite oder 1889 die Ehrenbürgerschaft der Stadt Hamburg. In der Laeiszhalle am Johannes-Brahms-Platz befindet sich eines von vielen Denkmälern. Nicht weit von dort in der Neustadt liegt das Brahms-Museum, das von der Hamburgischen Johannes-Brahms-Gesellschaft betrieben wird. Als Ehrenbezeugung  wurden in Hamburg am Begräbnistag im April 1897 die Flaggen der Stadt und auch der im Hafen liegenden Schiffe auf Halbmast gesenkt.

 

Quellen und Literatur zum Thema in der VHG-Bibliothek:

 

Fischer-Dieskau Dietrich, Johannes Brahms. Leben und Lieder. List Verlag, Berlin 2008.
A.XI.6/31

Hofmann Kurt, Johannes Brahms und Hamburg. Neue Erkenntnisse zu einem alten Thema mit 29 Abbildungen. Dialog-Verlag, Reinbek 1986.
A.XI.6/D17

Kornemann Matthias, Johannes Brahms. Reihe: Hamburger Köpfe. Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius (Hrsg.). Verlag Ellert & Richter, Hamburg o.J.
A.XIV.2/1

Rauhe Hermann, Musikstadt Hamburg. Eine klingende Chronik. Johannes-Brahms-Gesellschaft Hamburg (Hrsg.). Verlag Ellert & Richter, Hamburg 2008 (Mit 7 CDs).
A.XI.6/26

Stephenson Kurt (Hrsg.), Johannes Brahms in seiner Familie. Der Briefwechsel. Mit den Lebensbildern der Hamburger Verwandten. Reihe: Veröffentlichungen aus der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek, Band 9. Verlag Dr. Ernst Hauswedell & Co., Hamburg 1973
A.XI.6/24

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Griff in die Geschichte (16) 

75 Jahre "Operation Gomorrha"

von Charlotte Wilken

 

Operation Gomorrha jährt sich zum 75. Mal. Die Luftangriffe auf Hamburg haben sich tief in die Erinnerung der Hamburgerinnen und Hamburger eingegraben. Bereits ab 1940 gab es Bombenangriffe auf Hamburg und auch 1944 und 45, aber keiner war so verheerend wie die Aktion „Gomorrha“ im Sommer 1943.

Gerhard Marcks’ Fahrt über den Styx im Innenhof des Mahnmals für die Opfer des Bombenkrieges auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg. Photo: NordNordWest, Licence: Creative Commons by-sa-3.0.deZwischen dem 25.7. und 3.8.1943 gab es insgesamt fünf Nachtangriffe der Air Force – der englischen Luftflotte  -  und zwei Tagesangriffe durch die United States Army. Sie hatten den bezeichnenden Namen „Operation Gomorrha“. Die Zahl der Verletzten und Obdachlosen ging in die Hunderttausende. Auch die Infrastruktur (Betriebe, Krankenhäuser, Schulen, Verkehr etc.) wurde zerstört. Die Zahlen der Opfer schwanken in der Berichterstattung, sie lag zwischen 35.000 und 40.000, eine unvorstellbare Zahl. Mehr als die Hälfte der Wohnungen waren vernichtet. Die hamburgische Industrie war gegen Kriegsende bis auf dreiviertel  der Vorkriegskapazität zerstört (A.Mende: Hafen ohne Hinterland in Neues Hamburg, Hrsg. Erich Lüth 1952, S. 23). 

Die Nationalsozialisten versuchten, die Folgen der Katastrophe für sich zu nutzen, und mit Gedenkveranstaltungen und Krenzniederlegungen die Deutungshoheit über die Ereignisse zu behalten. Ein so verheerender Angriff durfteaus deren Sicht auf keinen Fall dazu führen, dass die Moral und der Glaube an den Endsieg erschüttert wurden.

 Auch nach dem Krieg wurde der Bombenopfer gedacht, insbesonderen mit Kranzniederlegungen am Massengrab auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Malte Thießen hat in seinem Artikel „Erinnerung ist wichtig, aber lernen ist wichtiger“  die Veränderungen der „Erinnerungskultur“ bis heute nachgezeichnet. Inwieweit die Geschehnisse heute noch präsent sind, ist für mich schwer zu beurteilen. Bei historischen Stadtführungen, die ich in Wandsbek durchgeführt habe, stoße ich oft auf großes Erstaunen, wenn ich über das Ausmaß der Zerstörungen spreche.

Diese bewusste Bombardierung der Zivilbevölkerung war keineswegs eine Erfindung der Engländer, sondern eine Strategie im Krieg, die insbesondere auch von den Deutschen eingesetzt wurde. Bereits in einer Denkschrift 1933 hieß es, dass „die Terrorisierung feindlicher Hauptstädte zu  (...) zu einem moralischen Zusammenbruch“  führen solle. Auch in späteren Planungen wird von Seiten der NSDAP darauf verwiesen, wie wichtig es sei, „die Bevölkerung in Schrecken bis zur  Panik“ zu versetzen (Ursula Büttner: „Gomorrha“, Landeszentrale für politische Bildung 1993, S. 13). Im Luftkrieg gegen England war dann auch die Bombardierung englischer Städte erklärtes Ziel. Der Luftangriff auf Warschau zu Beginn des Krieges diente als Testfall. Im September 1939 wurden 560 Tonnen Sprengstoff und 72 Tonnen Brandbomben abgeworfen. Rotterdam und Coventry, Plymouth, London  u.a. waren weitere Ziele der Luftwaffe.

Im Herbst 1941 fiel die Entscheidung in London, Flächenbombardements auf Wohngebiete im Deutschen Reich durchzuführen. Diese Bombardements wurden akribisch vorbereitet und mit Brandbomben ausgeführt. Folge der Angriffe in Hamburg war die Evakuierung der Bewohner, wobei es keine ausgearbeitete Strategie gab. War teilweise das Verlassen der Stadt verboten, wurde auf der anderen Seite die Bevölkerung (insbesondere Frauen und Kinder) aufgefordert, sich im Umland eine Bleibe zu suchen.

Für die Stadtplaner war die Zerstörung Hamburgs eine willkommene Gelegenheit, ihre städteplanerischen Vorstellungen umzusetzen. Es galt nicht, die Städte wiederaufzubauen, sondern „…soviel Schmerz und Kummer die Feststellung (von Tod und Elend) auch sein mag, der Städtebauer möge es sagen dürfen: dieses Werk der Zerstörung wird Segen wirken!  (Düwel, Gutschow: Ein seltsam glücklicher Augenblick, S. 137).

 

Quellen und Literatur zum Thema in der VHG-Bibliothek:

 

In der Bibliothek des VHG finden Sie zahlreiche Berichte und Analysen über die Gomorrha-Aktion, unter der Signatur: A.III.4

Besonders hervorgehoben seien: 

Hans Brunswig: Feuersturm über Hamburg, Stuttgart: Motorbuchverl. 1978
A.III.4.h./ 022  

ganz neu:

Erich Andres: Tod über Hamburg. Fotos und Notizen aus dem „Feuersturm“, 25. Juli bis 1. August 1943.
A.III.4.h / 212

und unter anderen Signaturen:

Jörn Düwel, Niels Gutschow: Ein seltsam glücklicher Augenblick. Zerstörung und Städtebau in Hamburg 1842 und 1843. Berlin: DOM publishers 
A.IX.1 / 237

Die Hamburger Katastrophe vom Sommer 1943 in Augenzeugenberichten. Bearb. von A. Mende: Hafen ohne Hinterland in  Neues Hamburg, Hrsg. Von Erich Lüth 1952, S. 23). 
A.I.2. / 184.38

Malte Thießen: Erinnerung ist wichtig, aber lernen ist wichtiger. Hamburgs Gedenken an den Feuersturm 1943 bis 2008. Zeitschrift des VHG. Bd 94, S.153-180

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Griff in die Geschichte (17) 

Lindley in Hamburg

von Hans Poggensee

 

Ein Griff in die Geschichte bezüglich William Lindleys muss zwangsläufig ein kleiner sein, haben doch er und sein Sohn über Jahrzehnte in großen Städten Europas und beinahe auch in Australien Wasserversorgung, Kanalisation und Ingenieurbauten geplant und erstellt.

William LindleyDer am 7. September 1808 geborene Lindley wollte eigentlich 1842 die von ihm mit gebaute Eisenbahnstrecke Hamburg – Bergedorf einweihen, doch wurde dies aufgrund des Hamburger Brandes verschoben und ergab neue Aufgaben für den aus London kommenden Ingenieur. Die Bahn konnte schon zur Evakuierung der brennenden Stadt genutzt werden. Beim Wiederaufbau setzte er sich für die Anlage breiter Straßen ein, die eine Feuerbekämpfung leichter machen sollte. Schon ab 1843 realisierte Lindley ein neues Sielsystem, welches als erstes auf dem europäischen Festland noch bis nach seinem Tode weiter gebaut wurde. Zuletzt war es das Kuhmühlenstammsiel am Baumwall, wo heute auch sein Denkmal steht – direkt vor dem Sieleinstieghaus, welches extra für Kaiser Wilhelm II gebaut wurde.

Allerdings ist das Sielsystem seiner Ansicht nach auch eine logische Voraussetzung für den Aufbau einer modernen Wasserversorgung. Bisher war Trinkwasser aus Feldbrunnen, aus Fleeten oder der Alster entnommen worden. Hier hinein flossen allerdings auch alle Abwässer, was der Qualität und der Hygiene nicht zuträglich war. Lindley plante dagegen, die Fäkalien zu sammeln und in die stärker fließende Elbe zu leiten. Dass diese nun nicht bei Flut zurück in die Kanalisation flossen, verhinderte er durch selbstschließende Klappen.

So konnte er schon 1848 die erste Wasserkunst in Rothenburgsort eröffnen, die Johann Wilhelm Bentz (Hummel Hummel – Mors Mors) arbeitslos machte und auch die Choleraepidemie 1892 die Letzte werden ließ, da die Wasserversorgung immer weiter ausgebaut wurde, auch bis in die Gängeviertel hinein, wo sich vorher die Kankheitserrreger noch ausbreiten konnten.

Er wirkte weiter viele Jahre in Hamburg, obwohl er die meiste Zeit keine eigene Wohnung hatte. Er strebte eine Anstellung als Oberbaurat an, was jedoch durch seinen Widersacher, dem Wasserbaudirektor Hübbe verwehrt wurde, indem er Lindley mangelnde Fachkenntnis unterstellte. Nun zog er mit seiner Frau Julia Heerlein und seinen Söhnen William, Robert und Joseph nach London um.

Danach begann er Projekte in Frankfurt, St. Petersburg und Warschau, sowie Zagreb, Basel und Berlin, die auch nach seinem Tode im Jahre 1900 besonders von seinem Sohn William Heerlein Lindley fortgesetzt wurden.

In diesem Jahr wäre er 110 Jahre alt geworden und kehrt nun zum Kulturerbejahr nach Hamburg zurück. Das Denkmalschutzamt und die Hochschule für Angewandte Wissenschaften entwickeln gemeinsam eine App, in der Lindley als digitaler Charakter seine eigenen Beiträge zur Großstadtwerdung Hamburgs vermittelt. Bewegungen, Mimik und Sprache eines Schauspielers werden auf eine digitale Lindley-Figur übertragen.

Eine Gewerbeschule, die seinen Namen trug, fusionierte erst 2016 zur Beruflichen Schule Anlagen- und Konstruktionstechnik am Inselpark in Wilhelmsburg.

 

Quellen und Literatur zum Thema in der VHG-Bibliothek:

 

Ortwin Pelc und Susanne Grötz, Konstrukteur der modernen Stadt: William Lindley in Hamburg und Europa 1808 1900; [anlässlich. der gleichnamigen Ausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte].
A.IX.3/010

Hamburger Wasserkünste / Bearbeitet und zusammengestellt von Margit Nehls.
A.IX.3/001

Lindley, William Stadt-Wasserkunst
A.IX.3/102

Lindley, William Stadt-Wasserkunst. Bericht von William Lindley vom 24. Juni 1853.
A.IX.3/103

William Lindley: Erläuterungen über die Anlageund den Zustand der Stadt-WasserkunstAn Eine Hochlöbliche Bau-Deputation.
A.IX.3/104

Leo, Gustav: William Lindley, Ein Pionier der technischen Hygiene. Als Manuscript in begrenzter Anzahl vervielfältigt. Mit Widmung an Julia Lindley in Blackheath, London.
A.XIV.2/1010

Moeck-Schlömer, Cornelia: Wasser für Hamburg, Die Geschichte der Hamburger Feldbrunnen und Wasserkünste vom 15. Bis zum 19. Jahrhundert
A.I.2/008.53

 

Im Internet 

 

https://www.ndr.de/kultur/geschichte/Als-Hamburg-stank-und-Alsterwasser-trank,hamburgwasser120.html

http://www.kulturkarte.de/hamburg/32033sirlind

https://www.hamburg.de/bkm/kulturerbejahr-2018-hamburg/10234046/lindley-2018/

 

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