Griff in die Geschichte (19) 

100 Jahre Universität Hamburg 1919-2019

von Lilja Schopka-Brasch

 

In diesem Jahr feiert die Universität Hamburg ihr hundertjähriges Bestehen. Einen Geburtstag zu feiern, ist nicht so einfach, denn es gibt zwei Gründungserzählungen, die sich auf zwei unterschiedliche Daten beziehen. gig19 Luethje schattenTraditionell wird und wurde der 10. Mai 1919, der Tag der Eröffnung, als Jubiläumstag gefeiert. An diesem Tag gab es in der Musikhalle einen festlichen Eröffnungsakt. Der zuständige Senator und Erste Bürgermeister der Stadt, Werner von Melle, der – gemeinsam mit den bürgerlichen „Universitätsfreunden“ – lange für eine Universität in Hamburg gekämpft hatte, sprach das Grußwort für die Stadt und galt als eigentlicher „Gründungsvater“ der Universität. Diese Traditionslinie, die an die lange Vorgeschichte der Universität anknüpfte, wurde von der Mehrheit der Universitätsangehörigen gepflegt und tradiert. Mit der Einführung von Talaren, die 1927 konservativen Professoren gelang, reihte sich die Professorenschaft sichtbar ein in die Tradition „ehrwürdiger“ Universitäten, und die Hamburgische Universität erschien in dieser Erzählung als eine der 23 deutschen Universitäten, ohne sich grundlegend von den anderen Hochschulen zu unterscheiden.

Die andere Gründungserzählung beginnt mit der 3. Sitzung der neuen, erstmals demokratisch gewählten Bürgerschaft am 28. März 1919. In dieser Sitzung wurde die Hamburgische Universität per Gesetz, durch den Beschluss eines demokratisch legitimierten Parlaments, gegründet – ein Novum in der deutschen Geschichte. Die SPD, die nun über die absolute Mehrheit verfügte, plante die erste demokratische Universität in Deutschland, eine Reformuniversität, die der neuen Zeit entsprach, mit „freiester Verfassung und freiesten Zulassungsbedingungen“, so der spätere Schulsenator und Sozialdemokrat Emil Krause in der entscheidenden Sitzung. Im Sommersemester 1919 schrieben sich 1.729 Studierende ein, darunter 212 Frauen. gig19 IMG 2569 SchattenAufgrund ihrer späten Gründung gehörte die Hamburgische Universität zu den wenigen Universitäten, an denen Frauen von Anfang an formal gleichberechtigt zugelassen waren. Anziehend für Studentinnen war ein freierer Geist, den sie hier zu finden hofften, eine Umgebung, in der Frauen „nicht per se als Eindringlinge“ angesehen wurden. Ein demokratischer Geist wurde jedoch nur von einer Minderheit gepflegt, der Großteil der Professorenschaft wie der Studierenden hing traditionellen, elitären Universitätsvorstellungen an. Die Idee einer Reformuniversität wurde von zu wenigen getragen, um verwirklicht werden zu können. Mit der Machtübertragung auf die Nationalsozialisten 1933 war es mit der Freiheit der Lehre und des Lernens dann vorerst vollständig vorbei. Erst das Hamburger Universitätsgesetz von 1969 gewährleistete 50 Jahre nach der Gründung den Wechsel von der Ordinarien- zur Reformuniversität, in der alle Gruppen innerhalb der Universität Mitspracherechte erhielten. So wurde der Weg frei, um Lehre, Lern- und Arbeitsformen grundlegend zu reformieren. Die Studierendenzahlen stiegen enorm, allerdings wurde seit den 1980er Jahren die staatliche Finanzierung stetig zurückgefahren, was in den 1990er Jahren massive Stellenstreichungen zur Folge hatte. Überfüllte Hörsäle und Seminare gehörten somit zu den immer schwieriger werdenden Studienbedingungen.
50 Jahre nach dem Erlass des Universitätsgesetzes bleibt zu fragen, was von dessen demokratischem Gehalt übriggeblieben ist. Neue Universitätskonzepte fokussieren wieder stärker auf Auswahl und Beschränkung – sowohl im Fächerangebot als auch bei den Studierenden. Es bleibt spannend, wie sich Forderungen nach Exzellenz einerseits und Bildung für alle andererseits in einer Universität verwirklich lassen.

 

Quellen und Literatur zum Thema in der VHG-Bibliothek:

 

In unserer Bibliothek finden Sie zur Geschichte der Universität Hamburg über 40 Titel – die durch die ab 2019 erscheinende "Kleine Geschichte der Universität Hamburg" von Rainer Nicolaysen sowie - ausführlicher - die Bände der Publikation „100 Jahre Universität Hamburg“ ergänzt werden. Im Folgenden eine Auswahl:

 

Fiege, Hartwig: Die Lehrerbildung im Pädagogischen Institut der Universität Hamburg von 1945 bis 1969 (Beiträge zur Geschichte Hamburgs, 42). Hamburg 1991.
A.I.2 / 008.42

Die Hamburger Universitätsmedizin im Nationalsozialismus: Forschung – Lehre – Krankenversorgung hg. von Hendrik van den Bussche (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, Bd. 24). Berlin und Hamburg 2013.
A.VIII.1 / 115

Schopka-Brasch, Lilja: „Ich wollte keine Hausfrau sein, ich wollte Ärztin sein!“ Studentinnen in Hamburg und Oslo zwischen den Weltkriegen (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, Bd. 20). Berlin und Hamburg 2012.
A.XI.02 / 40

Melle, Werner von: Dreißig Jahre Hamburger Wissenschaft 1891-1921. Rückblicke und persönliche Erinnerungen. 2 Bde. Hamburg 1923/24.
A.XI.02 / 110.1 und A.XI.02 / 110.2

Der Forschung? Der Lehre? Der Bildung? Wissen ist Macht! 75 Jahre Hamburger Universität. Studentische Gegenfestschrift zum Universitätsjubiläum 1994, hg. von Stefan Micheler und Jakob Michelsen im Auftrag des Allgemeinen Studierendenausschusses der Universität. Hamburg 1994.
A.XI.03.b. /01

Universität Hamburg 1919-1969 [= Festschrift zum 50. Gründungstag der Universität Hamburg]. o. O. o. J. [Hamburg 1970].
A.XI.03.b / 08

100 Jahre Geschichtswissenschaft in Hamburg, hg. von Rainer Nicolaysen; Axel Schildt (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, Bd. 18). Berlin und Hamburg 2011.
A.XI.03.b / 11

Nicolaysen, Rainer (Hg.): Das Hauptgebäude der Universität als Gedächtnisort. Mit sieben Portraits in der NS-Zeit vertriebener Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Hamburg 2011.
A.XI.03.b / 017

Jendrowiak, Silke: Der Forschung – der Lehre – der Bildung. Hamburg und seine Universität. Hamburg 1994.
A.XI.03.b / 018

Nicolaysen, Rainer: „Frei soll die Lehre sein und frei das Lernen.“ Zur Geschichte der Universität Hamburg. Hamburg 2008
A.XI.03.b / 72

Lüthje, Jürgen (Hg.): Universität im Herzen der Stadt. Eine Festschrift für Dr. Hannelore und Prof. Dr. Helmut Greve. Hamburg 2002.
A.XI.03.b / 073

Gelebte Universitätsgeschichte: Erträge jüngster Forschung Eckart Krause zum 70. Geburtstag, hg. von Anton F. Guhl; Malte Habscheidt; Alexandra Jaeger (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, Sonderband). Berlin und Hamburg 2013.
A.XI.03.b / 150

Hochschulalltag im "Dritten Reich". Die Hamburger Universität 1933 – 1945, hg. v. Eckart Krause; Ludwig Huber; Holger Fischer. 3 Teile (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, Bd. 3). Berlin und Hamburg 1991.
A.XI.03.b / 151

Rein, Adolf: Die hansische Universität, hg. von der Landesbildstelle Hansa und der Hansischen Universität Hamburg. (Bilder der Niederdeutschen Heimat, Sonderheft) Hamburg o. J. [1937]
A.XI.03.b / 183

Bottin, Angela, unter Mitarbeit von Rainer Nicolaysen: Enge Zeit. Spuren Vertriebener und Verfolgter der Hamburger Universität (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, 11). Berlin/Hamburg1992.
A.XI.03.d / 078

 

 

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Griff in die Geschichte (20) 

Arp Schnitger – Berühmter Orgelbauer des Barock

 

Arp Schnitger war ein herausragender Orgelbaumeister in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und in den beiden ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts. Mit Orgeln in Großbritannien, Dänemark und den Niederlanden und auch in Russland und Portugal war er eine bedeutende Persönlichkeit der Orgelkunst. 1708 war er zum Königlich Preußischen Hoforgelbauer ernannt worden. Auch drei Jahrhunderte später ist sein Ruhm nicht verblasst. gig20 Orgelbauerhof Schatten

Schnitgers Orgeln zeugen von seinen herausragenden Fähigkeiten und seinem vollendeten Klanggefühl. Er war künstlerisch und handwerklich äußerst geschickt und erreichte eine auf die feinste Nuance ausgewogene Harmonie der Töne. Durchdachte Herstellungssequenzen, technische Perfektion, präzise Handarbeit und höchste Qualität garantierten eine lange Lebensdauer der empfindlichen Instrumente; über die Zeit wurden jedoch viele durch äußere Einwirkungen zerstört. Doch fast 30 seiner Orgeln sind noch erhalten, wenn auch nicht immer gänzlich im Originalzustand.
Arp Schnitger unterhielt Werkstätten an mehreren Orten wie Berlin, Hamburg, Stade, Magdeburg und sogar Groningen und weiteren. Er baute weit über 100 Orgeln und reparierte, restaurierte oder verbesserte etwa 60; ins Ausland lieferte er rund 30 Instrumente. Die Orgel in Hamburgs St. Nicolai-Kirche war zur damaligen Zeit die vermutlich größte Orgel der Welt, sie fiel dem großen Brand von 1842 zum Opfer. Basierend auf einer weit älteren Orgel, entstand auch die in St. Jacobi in vierjähriger Bauzeit zum großen Teil von ihm, allerdings wurde sie seit 1693 an mehreren Stellen erneuert; sie ist eine der größten noch erhaltenen Orgeln aus der Zeit. 1989 erschien eine Briefmarke zu Ehren ihres Erbauers.
Seit 1991 trägt ein neu entdeckter Asteroid seinen Namen. Die Arp-Schnitger-Gesellschaft kümmert sich um sein kulturelles Erbe. In der nahen Umgebung von Hamburg findet man noch seine Orgeln in Steinkirchen, Jorg, Hollern, Neuenfelde, Ochsenwerder und in Cappel bei Cuxhaven.
Das 300. Todesjahr des hoch angesehenen Orgelbauers des Barock nimmt Hamburg zum Anlass, 2019 zum Orgeljahr zu erklären; zahlreiche Konzerte, Vorträge oder Führungen werden deshalb in der Stadt angeboten. 

 gig20 IMG 20190623 Schatten

 

Quellen und Literatur zum Thema in der VHG-Bibliothek:

 

In der Bibliothek des Vereins finden sich einige Titel zu Arp Schnitger:

 

Claus Ahrens, Archäologische Untersuchungen in der Kirche zu Hamburg-Neuenfelde und die Identifizierung der Grabstätte Arp Schnitgers, in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte, Band 59 (1973), S. 89-97.
A.I.2.198

Günter Seggermann, Die Orgeln in Hamburg. Christians Verlag, Hamburg 1997.
A.IX.1.002.06

Gustav Fock, Hamburg’s Role in Northern European Organ Building. Westfield Center, Easthampton (Massachusetts) 1997.
A.XI.06.041

Die Arp-Schnitger-Orgel der Hauptkirche St. Jacobi Hamburg. Festschrift aus Anlass der Wiederweihe am Sonntag- Septuagesimae-29. Januar 1961. Herausgegeben vom Kirchenvorstand der Hauptkirche, Hamburg 1961.
A.XII.3.090

Lutz Mohaupt, Meine Geschichte mit der Arp-Schnitger-Orgel. Lutherische Verlagsgesellschaft, Kiel 1993.
A.XII.3.092

Günter Seggermann, die Orgeln der Hauptkirche St. Michaelis zu Hamburg. Schnell & Steiner, München und Zürich 1987.
A.XII.3.146

Helmut Roscher, Die Arp-Schnitger-Orgel zu Hamburg-Neuenfelde. Sost & Co., Hamburg-Harburg 1980.
A.XII.3.208

 

 

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Griff in die Geschichte (21) 

150 Jahre Radfahren und Radsport in Hamburg – der Altonaer Bicycle-Club von 1869/80

von Lars Amenda

 

Vor 150 Jahren wagten sich die ersten „Radfahrer“ in Hamburg auf die Straßen. Die ein halbes Jahrhundert ältere Laufmaschine von Karl Drais war nur sehr vereinzelt nach Hamburg gelangt, da hier kaum Adel, die wichtigste Zielgruppe, lebte. Das änderte sich Ende der 1860er Jahre mit dem nächsten Schritt in der Entwicklung des Fahrrads: dem Veloziped. 

gig21 ABC Vorstand um 1890 Bildrechte beim ABCBereits 1868 und insbesondere 1869 ließen sich zunehmend Reiter des „pferdelosen Rosses“ in der Öffentlichkeit blicken. Mit „Quickrun“ aus Hamburg und dem „Eimsbütteler Velocipeden-Reit-Club“ gründeten sich im April 1869 sogar eigene Vereine, die das aus Frankreich kommende vélocipède verbreiten und verbessern wollten. Im „Eimsbütteler“ Club fanden sich rund 20 Herren aus Altona und Hamburg zusammen, die sich allerdings nur schwer auf einen Namen einigen konnten. Als Kompromiss einigten sie sich auf die „neutrale Zone“ Eimsbüttel, das damals noch nicht zu Hamburg gehörte und eine dünnbesiedelte Landgemeinde vor den Toren der Hansestadt war.

Zu den treibenden Kräften im Eimsbütteler Club gehörte Harro Feddersen, der ein Eisenwarengeschäft in der Palmaille in Altona betrieb. Spätestens seit März 1869 verkaufte Feddersen dort Velozipede der Eisengießerei und Maschinenfabrik von Wilhelm Schlüter in Pinneberg. Wilhelm Schlüter, samt seiner Brüder August und Ernst, hofften auf einen großen kommerziellen Erfolg des Velozipeds und traten ebenfalls in den Eimsbütteler Velocipeden-Reit-Club ein. Dessen Satzung sah vor, dass neue Mitglieder innerhalb von acht Wochen ein eigenes Veloziped zu erwerben hatten, andernfalls wurden sie automatisch zu passiven („socialen“) Mitgliedern.

Das neuartige Veloziped wurde in Illustrierten vorgestellt und auf Theaterbühnen vorgeführt, die Zahl der „Reiter“ blieb aber überschaubar. Das lag vor allen an den hohen Preisen, die nur Vermögende bezahlen konnten. Die neuen Verkehrsteilnehmer stießen in der Öffentlichkeit zudem auf eine scharfe Ablehnung. Die Polizei in Altona und Hamburg reagierte auf den kleinen Velozipeden-Boom und erließ im Sommer 1869 Fahrverbote für die Bürgersteige (Trottoirs) und einige Straßen wie die heutige Elbchaussee und erließ empfindlichen Strafen.

Ein letzter Höhepunkt ereignete sich am 10. September 1869 in Altona, als der Eimsbütteler Velocipeden-Reit-Club und der von C. E. Samuelson geleitete St. Georger Velocipeden-Club ein „Velocipeden-Wettreiten“ im Rahmen einer großen Industrie- und Landesausstellung ausrichteten. Zahlreiche Zuschauerinnen und Zuschauer verfolgten das Rennen auf dem Ausstellungsgelände an der heutigen Max-Brauer-Allee und waren begeistert angesichts des Novums, das an ein Pferderennen erinnerte und doch ohne Pferde auskam. Mit dem Herbst und Winter geriet das Veloziped schnell in Vergessenheit und nur wenige Protagonisten wie Harro Feddersen hielten in den kommenden Jahren daran eisern fest.

Das in den 1870er Jahren in Großbritannien entwickelte und produzierte Hochrad, das „Bicycle“, wie es anfangs auch auf Deutsch genannt wurde, brachte seit 1880 neuen Schwung in die Welt des Radfahrens. Der Eimsbütteler Club um Harro Feddersen nahm wieder Aktivitäten auf und benannte sich 1881 in Altonaer Bicycle-Club von 1869/80 (ABC) um – die Rückdatierung auf 1880 erfolgte aus grafischen und wohl auch symbolischen Gründen, da die „80“ den Beginn eines neuen Jahrzehnts markierte. Der ABC praktizierte das Kunstradfahren, sowohl alleine als auch in der Gruppe („Reigenfahren“), und das Langstreckenfahren von Distanzen bis zu 150 Kilometern am Tag. Der Club veranstaltete zahlreiche karitative Feste und verankerte sich damit im städtischen Bürgertum Altonas. 1882 gründete sich der Hamburger Bicycle-Club und warb die Hamburger Mitglieder aus dem ABC ab. Der ABC erholte sich aber davon schnell und präsentierte sich 1889 stolz auf dem erstmals in Hamburg stattfindenden Bundestag des 1884 gegründeten Deutschen Radfahres-Bundes (DRB).

gig21 ABC um 1885 kleinAnfang der 1890er Jahre bereitete der Luftreifen und das „Niederrad“ (safety bicycle) den großen Aufschwung des Radfahrens um die Jahrhundertwende vor. Der ABC genoss und inszenierte zuvor seinen Pionierstatus wie im Zuge des 25-jährigen Jubiläums im April 1894. Unter der Führung des gebürtigen Nordfriesen Gregers Nissen (1867-1942) erlebte der Club eine Blütezeit mit 130 Mitgliedern, die häufig Kaufleute waren und sich der städtische Eliten zurechneten. Nissen propagierte das Wanderfahren und förderte maßgeblich den Radtourimus. 1895 trat der ABC aus dem DRB aus, da dieser sich in der Frage des Amateur- und Profisports nicht klar positionierte und die Altonaer strikt für den Amateurstatus („Herrenfahrertum“) eintraten.

Seit der Jahrhundertwende, inmitten des großen Fahrradbooms dank kontinierlich sinkender Fahrradpreise, verlor der ABC an Bedeutung und ebenso an Mitgliedern. In der 1920er Jahren verjüngte sich der Club und nahm den Radrennsport wieder auf. 1925 verabschiedete der ABC eine antisemitische Satzung und passte sich während der NS-Herrschaft an die neuen Zeiten an. Seit den 1950er Jahren konzentrierte sich der Club auf das akrobatische Radballspiel und gehörte mit „Hamburgs Radballstars“ Eberhard Stüber und Gerd Oberwemmer zur nationalen und inernationalen Spitze. Seit den 1980er Jahren konnte der ABC keine jugendlichen Mitglieder mehr gewinnnen und wurde 1996 schließlich aus dem Vereinsregister ausgetragen. 2013 gründeten einige historische interessierte Fahrrad-Enthusiasten den Club neu. Die gegenwärtig 75 Mitglieder betreiben den Verein als Fahrrad- und Geschichtsverein und organisieren regelmäßig Veranstaltungen, restaurieren historische Fahrräder und publizieren Forschungsergebnisse über die norddeutsche Fahrrad- und Radsportgeschichte.

 

 

Literatur zum Thema:

 

Lars Amenda, Altonaer Bicycle-Club von 1869/80. Ein Verein schreibt Fahrradgeschichte, hrsg. vom Altonaer Bicycle-Club von 1869/80, Hamburg 2019 (ABC-Forschungen zur Fahrrad- und Radsportgeschichte, Bd. 1).

Statuten des Eimsbütteler Velocipèden-Reit-Clubs. Gegründet den 21. April 1869, Hamburg-Altona 2019 (Erstaufl. 1869) (ABC-Quellen zur Fahrrad- und Radsportgeschichte, Heft 1).

Lars Amenda/Oliver Leibbrand, Gregers Nissen. Fahrradpionier und Reiseschriftsteller, Bräist/Bredstedt, Nordfriesland 2017 (Nordfriesische Lebensläufe, Bd. 12).

 

Links:

 

www.altonaer-bicycle-club.de

www.lars-amenda.de

 

 

 

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Griff in die Geschichte (18) 

Eine vollendete Revolution? – 100 Jahre demokratisch gewählte Hamburgische Bürgerschaft

von Dominik Kloss

 

Ein „Phönix, der sich aus der Asche erhebt“ – das Bild, welches Helene Lange am Abend des 24. März 1919 zum Abschluss gig 18 1ihrer Eröffnungsrede als Alterspräsidentin der in der Woche zuvor gewählten Bürgerschaft bemühte, erntete laut Protokoll „Bravo!“-Rufe im Plenum.

Den 185 Abgeordneten, unter ihnen erstmalig 17 Frauen, dürfte das schon nach dem verheerenden Stadtbrand von 1842 anhand des mythischen Vogels gern genutzte Gleichnis des rasanten und erfolgreichen Wiederaufbaus willkommen gewesen sein (im und am Rathaus war es damals und ist es jedenfalls bis heute präsent). Nach vier Monaten revolutionärer Wirren im Gefolge der Weltkriegsniederlage vom November des Vorjahres galt es jetzt mit Zuversicht nach vorne zu blicken und mit Tatkraft die drängenden Aufgaben in einer von Mangelernährung und zahlreichen weiteren Alltagssorgen gezeichneten Millionenmetropole anzugehen.

Im runden Jubiläumsjahr des auf die Novemberrevolution folgenden Frühjahrs blicken Publizistik und Ausstellungswesen auf epochemachende Ereignisse wie insbesondere das mit den Wahlen zur Nationalversammlung einhergehende Frauenwahlrecht zurück. Als bemerkenswert gilt dabei die Durchsetzung dieser und anderer Reformvorhaben in einer von unversöhnlichen Interessenlagen geprägten und politisch kaum kontrollierbar scheinenden Wetterlage, die sich zeitgleich etwa im Spartakistenaufstand in Berlin oder in den „Sturmtagen“ während der Bremer Räterepublik augenfällig ausdrückten.

Hamburg und sein Umland können – das präsentierte die bis unlängst im Museum für Hamburgische Geschichte gezeigte und nur auf den ersten Blick provokant betitelte Sonderausstellung „Revolution! Revolution?“ – hierzu ein ergänzendes Narrativ bieten.

gig 18 2 Nach der an der Elbe verhältnismäßig unblutigen Machtübernahme der Arbeiter- und Soldatenräte am 6. November hatten sich anfänglich radikale Protagonisten wie Heinrich Laufenberg schon bald mit den Notwendigkeiten der Verwaltung einer Großstadt arrangieren müssen, deren Handel und Versorgung nach vier Jahren Krieg darniederlag. Und so waren es vor allem Themen wie Lebensmittelversorgung, Arbeitsvermittlung oder Wohnungsbau, die neben vielen grundsätzlichen Reformvorhaben in den 135 Verordnungen nachzuvollziehen sind, welche von den neuen Machthabern an die städtischen Gremien und Behörden weitergereicht wurden. Von Anfang an kooperierte man dabei mit den etablierten Kreisen aus der Wirtschaft und gestand – oft notgedrungen, aber einvernehmlich – der Expertise aus liberalen wie konservativen Milieus auch personell eine anhaltende Regierungsbefähigung zu. Das drückte sich auch in den Ergebnissen der am 16. März – einem kalt-windigen, aber schönen Sonntag – erstmals durch eine demokratische Mehrheit wählbaren und mit über 80 % Wahlbeteiligung auch entsprechend repräsentativ gewählten Bürgerschaft aus.

So verzichtete die SPD trotz der knapp errungenen absoluten Mehrheit am 28. März darauf, ihren populären langjährigen Abgeordneten Otto Stolten als ersten Bürgermeister zu bestellen und beließ Werner von Melle, den Kandidaten der zugleich als Koalitionspartner gehandelten DDP, in diesem prestigeträchtigen Amt. Hinzu kam, dass neun Senatoren (und damit die Hälfte) des neugewählten Senats bereits vor der Revolution dort vertreten waren.gig 18 3

Auch für einige Delegierte der 1913 noch vom hohen Steuerzensus dominierten alten Bürgerschaft dürfte deren letzte Sitzung am 19. März keine allzu große Zäsur bedeutet haben und Sie konnten bereits eine Woche darauf – ins neue Gremium wiedergewählt – das „Gesetz über die vorläufige Staatsgewalt“ mit verabschieden.

Möglich wurde dieser wichtige Entschluss auf dem Weg zur dann 1921 in Kraft tretenden neuen Verfassung aber nur durch die Selbstauflösung des Arbeiter- und Soldatenrates, der am gleichen Tag, an dem Helene Lange die konstituierende Sitzung der neuen Bürgerschaft eröffnete, das letzte Mal tagte. Der formellen Übergabe der politischen Macht durch den Vorsitzenden Karl Hense am 26. März folgte dann am letzten Tag des Monats der symbolische Schlussakt der Revolution in Hamburg: das Einholen der Roten Fahne am Rathaus.

Die Bandbreite jüngerer und jüngster Literatur zur Aufarbeitung jener folgenreichen Ereignisse in Hamburg am Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik ist lesenswert auch in den Beständen der Vereinsbibliothek vertreten. Besonders vielsagend finden sich hier darüber hinaus – mitunter von politischen Protagonisten dieser Epoche – zeitgenössisch 1919 und in den Jahren unmittelbar danach abgefasste Erfahrungsberichte, Vorträge, Programme usw., die einiges am Kontinuitäten- wie Neuerungsreichen Kolorit dieser Zeit zu vermitteln wissen.

 

Quellen und Literatur zum Thema in der VHG-Bibliothek:

 

Schambach, Sigrid: Hamburg auf dem Weg zu einer modernen Verwaltung. Die Verwaltungsreform des Stadtstaates in den Jahren 1919 – 1933, Hamburg 2002 (Beiträge zur Geschichte Hamburgs; Bd. 61).

A.I.2 / 008.61

Revolution! Revolution? Hamburg 1918/19, hg. v. Hans-Jörg Czech, Olaf Matthes und Ortwin Pelc, Hamburg 2018.

A.III.4.f / 070

Lamp'l, Walter: Die Revolution in Groß-Hamburg, Hamburg 1921.

A.III.4.g / 099

Stalmann, Volker: Der Hamburger Arbeiter- und Soldatenrat 1918/1919, Düsseldorf 2013 (Quellen zur Geschichte der Rätebewegung in Deutschland 1918/19; Bd. 4).

A.III.4.g / 101

Neumann, Paul: Hamburg unter der Regierung des Arbeiter- und Soldatenrats. Tätigkeitsbericht erstattet im Auftrage der Exekutive des Arbeiterrats Groß-Hamburgs, Hamburg 1919.

A.III.4.g / 123

Büttner, Ursula: Politischer Neubeginn in schwieriger Zeit. Wahl und Arbeit der ersten demokratischen Bürgerschaft Hamburgs 1919-21, hg. v. der Landeszentrale für Politische Bildung, Hamburg 1994.

A.III.4.g / 218

Asendorf, Manfred: Wege zur Demokratie. 75 Jahre demokratisch gewählte Hamburgische Bürgerschaft; Mit Beiträgen von Uwe Bahnsen und Hinnerk Fock, Hamburg 1994.

A.III.4.i / 224

Gesetz über die vorläufige Staatsgewalt mit den gültigen Bestimmungen der Verfassung. Nach den Beschlüssen der Bürgerschaft vom 26. März 1919 für die Mitglieder der Bürgerschaft zusammengestellt, Hamburg 1919.

A.IV.2.b / 120

Lippmann, Leo: Die Lebensmittelversorgung Hamburgs. Vortrag des Regierungsrats Dr. Lippmann in der Vollversammlung des Arbeiter- und Soldatenrats für Hamburg und Umgegend am 14. März 1919 im Gewerkschaftshaus, Hamburg [1919].

A.VI.1 / 102

 

 

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nathan ben britt 2018Nathan Ben-Brith (1923-2018), der Autor des Bandes "Mein Gedächtnis nimmt es so wahr. Erinnerungen an den Holocaust", ist nicht lange vor seinem 95. Geburtstag in Israel verstorben. Der Vorstand des Vereins für Hamburgische Geschichte ist in Gedanken bei seiner Familie.

Zur Vorstellung seiner Holocaust-Erinnerungen am 30. September 2015 war der Verstorbene aus Israel nach Hamburg angereist. Den Anwesenden im gut besuchten Vortragsraum der Staatsbibliothek gab er damals gern Auskunft und stand anschließend zur Signierung seines Buches bereit.

(Foto: Gesche-M. Cordes)

Griff in die Geschichte (11)

Die Cholera in Hamburg

Von Lilja Schopka-Brasch

Vor 125 Jahren, Mitte August 1892, brach in Hamburg die Cholera aus. Es war die letzte, aber auch die verheerendste Cholera-Epidemie in der Hansestadt. Sie verbreitete sich rasant, etwa 17000 Menschen erkrankten, mehr als 8600 starben innerhalb weniger Wochen. Heftiger Brechdurchfall und Krämpfe waren die Symptome. Allerdings waren Brechdurchfälle, besonders im Sommer, eine übliche Erscheinung und bevor der Nachweis des Erregers nicht zweifelsfrei erbracht war, wollten Ärzte und die zuständigen Behörden keine Warnungen aussprechen. Hier und da wurden Befürchtungen laut, es könne Cholera sein. Doch erst mehr als eine Woche nach dem ersten Todesfall bestätigten die Behörden diesen Verdacht.

Woher der Cholera-Erreger kam, ob durch Auswanderer aus Russland, wo die Cholera schon seit Juli wütete, oder aus Frankreich, wo ebenfalls Erkrankungsfälle aufgetreten waren, ist nicht zweifelsfrei geklärt. Sicher ist jedoch, dass sie sich über das Elbwasser verbreitete, das ungefiltert in die Hamburger Haushalte gelangte. Hamburg hatte 1892 noch keine effektive Wasserreinigung, eine entsprechende Anlage war noch im Bau. Nicht nur die Wasserversorgung war unzureichend, sondern auch die Abwasserentsorgung. Vor allem in den Hinterhöfen und Gängevierteln, den dichtbevölkerten Wohnquartieren der Armen, waren die hygienischen Zustände katastrophal. Hier fanden sich auch die meisten Opfer der Epidemie.

Der erste Verdachtsfall trat in der Hansestadt am 16. August auf, die sichere Diagnose konnte erst am 22. August gestellt werden. Und erst dann wurden Gegenmaßnahmen diskutiert und langsam umgesetzt. Dazu gehörten Aufrufe an die Bevölkerung, nur abgekochtes Wasser zu verwenden sowie die Bereitstellung von Desinfektionsmitteln. In Turnhallen wurden Desinfektionsanstalten eingerichtet, wo infizierte Kleidung hingebracht werden konnte. In der ersten Zeit mussten die Haushalte mit Erkrankten ihre Wohnungen selber desinfizieren, später übernahmen das so genannte Desinfektionskolonnen. Eine Meldepflicht über Krankheitsfälle wurde eingeführt. Tag und Nacht rumpelten die Krankentransporte durch die Straßen, hoben die Totengräber in Ohlsdorf Gräber aus.

gig cholera 1

Die Kapazitäten der Krankenhäuser reichten nicht aus, um die Erkrankten aufzunehmen. Auf dem Gelände des Allgemeinen Krankenhauses in Eppendorf wurden Baracken errichtet und ein Militärlazarett eingerichtet. Auch in anderen Stadtteilen standen bald die so genannten Cholerabaracken, was große Befürchtungen unter den Anwohnern auslöste. Unter der Überschrift „Nothschrei vom Schlump“, erregte sich ein Bürger über die Errichtung solcher Baracken „mitten in einer dichtbevölkerten Gegend“. „Im Namen aller Bewohner“ protestierte er „gegen diese geradezu barbarische Maßregel“. Die Zeitung versicherte zwar, dass eine „Ansteckung durch die Luft nach Ansicht aller Autoritäten ausgeschlossen“ sei, doch die Sorge, die Cholera könne über die Luft übertragen werden, war verbreitet. 

Ende August erreichte die Epidemie ihren Höhepunkt, dann ebbte sie langsam ab. Doch erst Mitte November konnten die Hamburger aufatmen und Hamburg als frei von Cholera erklärt werden. Nun wurde eine Reihe längst fälliger Maßnahmen zur Verbesserung der hygienischen Bedingungen umgesetzt. Der Bau der Filteranlage für das Hamburger Leitungswasser wurde vorangetrieben und 1893 fertiggestellt, ebenso wurde die Kanalisation ausgebaut. Das Gesundheitssystem wurde reformiert, ein Hygiene Institut wurde eingerichtet, ein Hafenarzt eingesetzt und die Hamburger Ärztekammer gegründet. Und auch die Gängeviertel verschwanden nach und nach aus dem Stadtbild.

  

Quellen und Literatur zum Thema in der VHG-Bibliothek:

 

Bojahr, Ralf: Das hygienische Institut der Freien und Hansestadt Hamburg. Entwicklung, Aufgaben und Tätigkeit für die Bevölkerung Hamburgs in den Jahren 1892 bis 1986. Hamburg 1987.
A.VIII.1/001

Büttner, Annett: „Nachricht aus der Stadt des großen Elends.“ Die Pflege der Cholerakranken in Hamburg im Jahr 1892 durch Kaiserswerther Diakonissen. In: ZHG 93, Hamburg 2007.
A.1.2/198

Deneke, Theodor: Die Hamburger Choleraepidemie von 1892. In: ZHG 93, Hamburg 1949 [der Artikel wurde 1942 in Teilen in der Medizinischen Wochenschrift gedruckt].   
A.1.2/198

Evans, Richard J.: Tod in Hamburg. Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholerajahren 1830 -1910. Ausdem Englischen von Karl A. Klewer. Reinbek bei Hamburg 1990.     
A.VIII.1/038

Ders.: Death in Hamburg. Society and politics in the cholera years 1830-1910. Oxford 1987.
A.VIII.1/039

Griese, Carl: Zum Besten des Nothstandes. Aus schwerer Zeit. Aus Tageblättern gesammelt von Carl Griese, nebst Anhang von Originalzeichnungen Hamburger Künstler. Hamburg 1892.           
A.VIII.1/055

Ders.: Bericht des Sicherheits-Comités für den Vorort Rotherbaum, mit 9 Skizzen inficierter Wohnungen mit einem Übersichtsplan in Farbdruck. Hamburg 1893.                  
A.VIII.1/004

Huch, Ricarda: Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren. Berlin o. J. 
A.XI.7a/75

Im Kampf gegen die Seuche hrsg. v. d. Schülke und Mayr AG Hamburg rückblickend auf fünfzig Jahre „Lysol“. Köthen o. J. [1939].           
A.VIII.1/151

Michael, J.: Geschichte des Ärztlichen Vereins und seiner Mitglieder: Den Mitgliedern zum 80.jährigen Stiftungsfeste gewidmet. Hamburg 1896.
A.VIII.1/112

Rosenfeld, Angelika: Hamburg in den Zeiten der Cholera hrsg. v. d. Behörde für Arbeit und Soziales. Veranstaltung zur Erinnerung an die Epidemie 1892.  Hamburg 1992. 
A.VII.1/004

Dies.:„Ich vergesse, daß ich mich in Europa befinde!“ Geschichte der Hamburger Cholera-Epidemie von 1892. 
A.VII.1/041

 

 

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Griff in die Geschichte (13) 

Bergedorf seit 150 Jahren in Gänze hamburgisch

Von Dominik Kloss

 

Im Südosten Hamburgs liegt mit Bergedorf ein Städtchen, das heute einem Stadtteil und Bezirk der Metropole seinen Namen gibt, dessen Geschichte aber zugleich eine langwährende Besonderheit birgt. Denn schon seit 1420 wurden Bergedorf (das zu diesem Zeitpunkt bereits seit über 250 Jahren bestand) und die sich südlich davon bis zur Elbe erstreckenden Vierlande gemeinsam von Hamburg und Lübeck regiert. Dieses zumindest in Norddeutschland ungewöhnliche staatsrechtliche Konstrukt einer „beiderstädtischen Herrschaft“ (die zudem noch Geesthacht und – immerhin bis 1865 – den halben Sachsenwald umfasste), endete erst am 1. Januar 1868 – vor nunmehr 150 Jahren.

gig bergedorf 1Das Datum stellt in vielerlei Hinsicht eine Zäsur dar. Vor 1868 kann Bergedorf, das den Hamburger und Lübecker Stadtregierungen vor allem als administratives Zentrum für die landwirtschaftlich bedeutsamen Vierlande diente, als so etwas wie eine Kolonie gelten, in der sich die spätmittelalterlich etablierte Verwaltungspraxis nur minimal veränderte. Augenfällig wurde dies dadurch, dass die beiderstädtischen Amtsträger als Hauptleute durchgehend auf dem Schloss Bergedorf residierten (immer im stetigen Wechsel), wo sie nicht nur Gerichtssitzungen vorsaßen, sondern auch Erbschaften und Hofverkäufe registrierten. Zwar gab es mit den Land- bzw. Bauernvögten und dem kleinen Stadtrat von vier Personen gewählte Interessenvertreter, doch ein eigenes Rathaus wurde den Bergedorfern nicht zugestanden. Etwaige Beschwerden gegenüber allzu feudaler Amtsführung der „Zween Herren“ auf dem Schloss (seit 1620 sogar auf Lebenszeit) konnte man nur bei den regelmäßigen Kontrollbesuchen durch Hamburger und Lübecker Ratsdelegationen, den sogenannten Visitationen, vorbringen. Der Charakter als kleines Landstädtchen von Hamburgs und Lübecks Ganden spiegelte sich auch in den Bevölkerungszahlen wieder: mit etwas über 3000 Einwohnern in den 1860er Jahren hatte Bergedorf seit den 2000 Einwohnern des Jahres 1700 zwar an Größe gewonnen, doch ging ein Großteil dieses Zuwachses erst auf das Konto der 1842 eröffneten Eisenbahnlinie nach Hamburg bzw. deren 1846 erfolgten Weiterführung nach Berlin.

Der Eisenbahnbau sollte der erste Vorbote des Wandels sein. Von ihm profitierten auch die angrenzenden Nachbargemeinden Lohbrügge und Sande, in denen unter neuer preußischer Oberhoheit schon 1864 die Industrialisierung vorangetrieben und wenige Jahre später die Gewerbefreiheit durchgesetzt wurde. Der Druck Preußens war gleichsam ausschlaggebend dafür, dass das erst zögerliche Hamburg nun einwilligte, Lübecks Anteile an Bergedorf und den Vierlanden gänzlich zu übernehmen – drohte doch deren Abtretung an das seit 1865 preußische Herzogtum Lauenburg. Festgeschrieben wurde der Rückzug Lübecks aus der beiderstädtischen Herrschaft für den Preis von 200.000 Taler preußisch Courant am 8. August 1867 in einem Vertrag, der wie besagt Anfang 1868 in Kraft trat.

gig bergedorf 3Schon bevor dann im Januar 1873 mit der Einführung der Hamburgischen Landgemeindeordnung weitreichende Veränderungen im Verwaltungsalltag der nunmehrigen „Landherrenschaft Bergedorf“ festgeschrieben wurden, zeigten sich aber bereits die Folgen der neuen Regelung. Die erst 1861 eingeführten Bergedorfer Briefmarken waren obsolet geworden und der Wegfall der Zollgrenzen im Februar 1868 begünstigte nunmehr die Ansiedlung von Handwerksbetrieben und Fabriken: zum bereits florierenden Sander Eisenwerk gesellten sich bald Tabak-, Glas- und Kandisproduktion als Vorboten der großen Industrien, die sich seit den frühen 1880er Jahren in Bergedorf etablierten. Der Bedarf an Arbeitskräften schlug sich nicht lange darauf in einem rasanten Bevölkerungswachstum nieder: Um 1900 hatte Bergedorf bereits die 10000er-Marke überschritten und auch das benachbarte Lohbrügge kam zu diesem Zeitpunkt bereits auf 5000 Einwohner.

Das frühe 20. Jahrhundert sah dann in Bergedorf im Kleinen ganz ähnliche Maßnahmen, wie sie in Hamburg im Großen umgesetzt wurden: Hafen- und Kanalisationsausbau, die Anlage von Durchbruchstraßen, ferner den Bau von Wohnvierteln, Schulen und schließlich Behördengebäuden – 1927 konnte man das mindestens seit drei Jahrhunderten geforderte eigene Rathaus endlich beziehen. Wenngleich von kurzlebiger Dauer – zehn Jahre darauf wurde dieser Rechtstatus im Zuge des Groß-Hamburg-Gesetzes bereits wieder beschnitten – so hat Bergedorf doch seine offizielle Rolle als „Stadt“ (und nicht mehr nur als „Städtchen“) innerhalb des Stadtstaates Hamburg offenkundig recht gut auszufüllen vermocht.

Die an Kuriositäten reiche Geschichte Bergedorfs und der Vierlande bis 1868 und ihrer vielfältigen Entwicklungen seither mag sich im gegenwärtigen Selbstverständnis der Bewohner des hamburgischen Südostens zuweilen noch wiederspiegeln – auf jeden Fall aber tut sie dies an verschiedenen Stellen unserer Vereinsbibliothek, wo sie in vielgestaltigen Publikationen (unten eine Auswahl) zur Lektüre einlädt. 

 

Quellen und Literatur zum Thema in der VHG-Bibliothek:

 

Bergedorfer Personenlexikon, hg. v. Olaf Matthes und Bardo Metzger (Museum für Bergedorf und die Vierlande), Hamburg ²2003.
A.II.4.f/041

Daur, Georg und Hudemann, Hildegard: Bergedorf, Vier- und Marschlande, Hamburg 1974.
A.II.4.f/048

Das Bergedorfer Schloss. Een sloten Huß. Entstehung - Funktionen – Baugeschichte, hg. v. Victoria Overlack, (Stiftung Historische Museen Hamburg), Hamburg 2008.
A.II.4.f/051

Römmer, Christian: 850 Jahre Bergedorf. Eine Stadtgeschichte (Kultur- & Geschichtskontor), Hamburg 2012.
A.III.6.d/040

Kellinghusen, Hans: Das Amt Bergedorf. Geschichte seiner Verfassung und Verwaltung bis 1620 (I. und II. Teil), Diss. Universität Göttingen, Hamburg 1908.
A.III.6.d/085

Knorr, Martin: Vom Holstentor in Bergedorf, in: Bergedorf. Aus Geschichte und Kultur; Lichtwark-Heft Nr. 40 (Dezember 1977), S. 2-13.
A.III.6.d/118

Geschichte der Stadt Bergedorf, zus. gest. von Georg Staunau; mit Lichtdruckbildern von Carl Griese und Zeichnungen von Oskar Schwindrazheim, Hamburg 1894.
A.III.6.d/171

 

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Griff in die Geschichte (14) 

Lessing und der Traum vom Hamburger Nationaltheater

Von Antje Büttner

 

Theater am Gänsemarkt, Aquarell um 1827Hamburg, der 22. Januar 1768: Gotthold Ephraim Lessings 39. Geburtstag. Er feierte ihn mit Freunden und den örtlichen Geschäftspartnern im alten Ratskeller, später in geselliger Runde in der Wohnung des Kaufmanns Engelbert König und seiner Familie am Neuen Wall.

Seit fast einem Jahr arbeitete er nun als Dramaturg am neu gegründeten Hamburger Nationaltheater, das als erstes ausschließlich von engagierten Bürgern geleitet wurde. Die sogenannte Hamburger Entreprise bestand aus einem Konsortium von zwölf leitenden Mitgliedern, an der Spitze der Hauptfinanzier Abel Seyler. Der ehemalige Schauspieler undDramendichter Johann Friedrich Löwen übernahm die Position des Theaterdirektors. Sitz des Theaters wardas von Theaterprinzipal Konrad Ackermann 1765 neu errichtete Comoedienhaus am Gänsemarkt. Ausgestattet mit zwei Rängen und einem Stehparterre bot es über 800 Besuchern Platz. Inneneinrichtung und Requisiten wurden von Ackermann übernommen, den man auch als Schauspieler mit dem Großteil seiner ursprünglichen Truppe engagierte.

Angestrebt war ein öffentlich subventioniertes Haus nach dem Vorbild des 1748 gegründeten Kopenhagener Nationaltheaters. Es sollte dazu beitragen die Entwicklung des deutschsprachigen Theaters zu fördern und eine Veränderung des Spielplans herbeiführen, d.h. die Emanzipation von der italienischen Oper und dem französischen Drama. Im November 1766 wurde das Vorhaben von Löwen öffentlich gemacht und Kontakt zu Lessing aufgenommen.

„Wir kündigen dem Publico die vielleicht unerwartete Hoffnung an, das deutsche Schauspiel in Hamburg zu einer Würde zu erheben, wohin es unter anderen Umständen niemals gelangen wird [...] so lange die Aufmunterung und der edle Stolz der Nachahmung unter den Schauspielern selbst fehlt; so lange man die Dichter der Nation nicht zu Nationalstücken anzufeuern gewohnt ist, und so lange vorzüglich die theatralische Policey, sowohl auf der Bühne in der Wahl der Stücke, als auch bey den Sitten der Schauspieler selbst, eine ganz fremde Sache bleibt; so lange wird man umsonst das deutsche Schauspiel aus seiner Kindheit hervortreten sehen.“

Nach der Absage auf eine angestrebte Stelle als Bibliothekar in Berlin nahm Lessing das Angebot der Entreprise an für 800 Taler im Jahr die Bemühungen des neuen Theaters kritisch zu begleiten. Eine Anstellung als Hausautor lehnte er ab. Mit einer fast fertigen Fassung der "Minna von Barnhelm“ und hehren, der Aufklärung geschuldeten Plänen zur Verbesserung von Inszenierungspraxis, Ausdrucksmöglichkeiten der Schauspieler und der Auswahl der Stücke traf er in Hamburg ein. Seine Kritiken brachte er unter dem Titel "Hamburgische Dramaturgie" heraus. Zunächst angelegt als zweimal wöchentlich erscheinende Theaterzeitschrift entstand daraus schließlich ein zweibändiges Werk (bestehend aus 104 „Stücken“) das immer noch zu den Hauptwerken der Theatertheorie gehört.Zur Eröffnung des Nationaltheaters am 22. April 1767 erschien die Ankündigung, zwei Wochen später die erste Ausgabe: „Diese Dramaturgie soll ein kritisches Register von allen aufzuführenden Stücken halten und jeden Schritt begleiten, den die Kunst, sowohl des Dichters, als des Schauspielers, hier tun wird.“

Cover LessingNeben den Aufführungsrezensionen finden sich darin Anmerkungen zur Darstellungskunst allgemein, Gedanken zur Poetik des Aristoteles, Analysen verschiedener Dramen, dem Verhältnis von Tragödie und Komödie, Auseinandersetzungen mit dem Werk Gottscheds und dem französischen Theater. Aus seinen Erkenntnissen der griechischen Tragiker und den Stücken Shakespeares entstand eine grundlegende Theorie des deutschen Dramas samt Anleitung zu ihrer Verwirklichung. Hauptanliegen Lessings war es das bürgerliche Theater als eine "Schule der Menschlichkeit, des Gefühls und der moralischen Welt" zu etablieren. Aber aller Anfang blieb schwer: In Hamburg wurde ihm die Anerkennung für seineambitionierten Bemühungen verwehrt. Die Schauspieler verbaten sich nach kurzer Zeit die kritische Beurteilung ihrer Darstellung, das Hamburger Publikum begeisterte sich nur mäßig für das neue bürgerliche Schauspiel. „Die Minna von Barnhelm“,( UA 30. September 1767), außerhalb vonHamburg lange die meistgespielte Komödie ihrer Zeit, musste schon kurz nach der Premiere mitdem Einsatz von Luftakrobaten dem vorherrschenden Geschmack angepasst werden. Auch im Spielplan fanden sich nur wenige der angestrebten neuen Werke, immer noch waren französische Stücke in deutscher Übersetzung vorherrschend.

Aufgrund diverser Streitigkeiten innerhalb des Konsortiums und dem Mangel ausreichender Mittel, die öffentliche Finanzierung blieb aus, schloss das Theater im November 1768 endgültig. Schon zwischen Dezember und April 1768 wurde nicht mehr gespielt. Die letzten Ausführungen der Hamburgischen Dramaturgie erschienen zu Ostern 1769. "Der süße Traum, ein Nationaltheater hier in Hamburg zu gründen, ist schon wieder verschwunden: und so viel ich diesen Ort nun habe kennen lernen, dürfte er auch wohl gerade der sein, wo ein solcher Traum am spätesten in Erfüllung gehen wird."

Lessing zog weiter nach Wolfenbüttel, wo er im April 1770 eine Anstellung als Leiter der herzoglichen Bibliothek annahm. Trotz aller Widrigkeiten verließ er Hamburg mit vielerlei Anregungen für die Erschaffung weiterer Werke, darunter das Paradestück der Aufklärung "Nathan der Weise". Auch die Idee des Nationaltheaters fruchtete: Abel Seyler, Vorstand der Entreprise übernahm 1777 das Mannheimer Theater unter der Bezeichnung "Nationalschaubühne". Weitere fürstliche Theaterhäuser nahmen die Idee des bürgerlichen Theaters auf.

Am Gänsemarkt erinnert das Denkmal von Friedrich Schaper (1881) an Lessings kurzen, äußerst produktiven Aufenthalt in der Hansestadt. Seit November 2016 steht es restauriert wieder am richtigen Platz. Der Blick des Dichters gerichtet auf den ehemaligen Standort des Hamburger Nationaltheaters.

Das Thalia- Theater veranstaltet seit 2009 zu Ehren des großen Theaterdichters und Denkers Ende Januar die Lessingtheatertage. In diesem Jahr wurde im Rahmen der Veranstaltungsreihe der Lessingpreis, 1929 vom Senat anlässlich des 200. Geburtstages von Gotthold Ephraim Lessing gestiftet, an die Offenbacher Philosophieprofessorin Juliane Rebentisch verliehen. Die Auszeichnung geht alle vier Jahre an Schriftsteller oder Gelehrte, die sich im Sinne Lessings den Maximen der Aufklärung verpflichtet fühlen: "... für die stete Bereitschaft zur grundlegenden Diskussion; für den Appell an die Vernunft, die sich Ihrer Grenzen bewusst ist; gegen das Zwielicht betörender Phrasen; für die verehrende Betrachtung des Schönen und das unablässige Ringen um das Wahre und Klare."

 

Quellen und Literatur zum Thema in der VHG-Bibliothek:

 

Lessing in Hamburg, Heinrich Meyer-Benfey, in Vorträge und Aufsätze Verein für Hamburgische Geschichte, Heft 4, Hamburg 1929.
A.I.2/ 185.04

Lessing und Hamburg. 1729-1929. Festgabe zur Zweihundertjahrfeier der Geburt des Dichters, Hamburger Staats-und Universitätsbibliothek, Hamburg 1929.                     
A.XI.07.c/ 100

Lessing in Hamburg. 1766-1770, Jan Philipp Reemtsma, München 2007.
A.XI.01/ 103

“Von Lessing ist keine Notiz zu nehmen”. Zum 250. Geburtstag des Aufklärers vom Gänsemarkt, von Franklin Kopitzsch, Hamburg Porträt, Heft 13/79 Museum für Hamburgische Geschichte, Hamburg 1979.
A. XI 7a / 099

Lessing am Gänsemarkt: die Geschichte eines Denkmals, Rolf Appel, Hamburg 2004
A.II.5/ 085

Lessing und die Zeit der Aufklärung, Göttingen 1968.
A.XI 1/ 101

“Ich küsse Sie tausendmal”- Das Leben der Eva Lessing. Biographie, Petra Oelker, Berlin 2008.
A.XI. 07a / 125.6 

Zu den Auseinandersetzungen Lessings mit dem Hamburger Hauptpastor Goetze in den 1770er Jahren siehe den Beitrag "Ein berühmter Disput: Der Fragmentenstreit".

 

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