Griff in die Geschichte (10)

Emil Nolde

Von Marlies Buchholz

Vor 150 Jahren, am 7. August 1867, wurde Emil Hansen im dänisch-deutschen Grenzgebiet geboren. Wer ist Emil Hansen? Das wird sofort klar, wenn man weiß, dass er in dem Dorf Nolde geboren wurde und er diesen Namen später als Künstlernamen annahm. Er lebte bis 1956. Das Schicksal dieses Malers war sehr wechselhaft, und es ist mit Hamburg stark verbunden.

Noldes Ausbildung verlief wie die vieler Künstler seiner Generation zunächst über das Handwerk, in diesem Fall war es das Möbelzeichnen und Holzschnitzen, und auch eine Stellung als Zeichenlehrer an einer Gewerbeschule in St. Gallen. Seinem Entschluss, Maler zu werden, stellte sich die Münchener Akademie unter Franz von Stuck erst einmal entgegen, sie lehnte ihn ab. Er besucht private Akademien, ab 1900 in Paris, im Louvre kann er reiche Studien machen. In den kommenden Jahren wechselt er seinen Aufenthalt zwischen Kopenhagen, Berlin, Flensburg und der Insel Alsen immer wieder und malt wie besessen, von Jahr zu Jahr mehr; sein gesamtes Werk besteht aus 1112 Ölbildern und über 500 graphischen Arbeiten.

Durch die Auseinandersetzung mit Vincent van Gogh, Edvard Munch und James Ensor gelangt Nolde zu einem eigenständigen Stil, in dem die Farbe eine wesentliche Rolle spielt. Farbintensive Blumenbilder gehören zu seinen bekanntesten und beliebtesten Werken. Fasziniert ist er auch von starker Bewegung, Tänzerinnen wie auch Wolken, Wind und Wellen sind seine bevorzugten Motive. Viele religiöse Bilder verweisen auf einen grüblerischen, schwermütigen Menschen. Er wird zeitweise Mitglied der Brücke-Gruppe, ein Streit mit Max Liebermann beendet seine Mitgliedschaft in der „Berliner Sezession“. Bei einer Studienreise nach Neu-Guinea 1913 zogen ihn die Gestalten und Gesichter der Eingeborenen an, weil er in ihnen dem Urzuständlichen im Menschen unmittelbar zu begegnen glaubte, und das Exotische und der mimische Temperamentsausdruck kennzeichnet die meisten seiner Figuren-Bilder, sein Selbstbildnis (!) allerdings ausgenommen!

gig nolde 1

Schwer zu verstehen ist, dass Nolde sich in politischer Naivität zunächst für den Nationalsozialismus begeisterte; vielleicht ist eine besondere Situation im nordschleswigschen Grenzgebiet daran beteiligt gewesen. Umso härter muss ihn die Anprangerung als „Kulturbolschewist“ getroffen haben, er wurde 1933 aufgefordert, aus der Preußischen Akademie auszutreten, ein Teil seiner Werke wurden in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt, 1941 erhielt er Ausstellungs- und Malverbot. Er zog sich in sein Haus in Seebüll zurück und malte kleine Aquarelle, die „Ungemalten Bilder“, die er nach dem Krieg auf das große Format des Ölbildes übertrug. 1950 erhielt er auf der Biennale in Venedig den ersten Preis der Graphik.

In diesem bewegten Leben gibt es mehrere kleine und einen bedeutenden Aufenthalt in Hamburg. Ein Maler braucht Sammler und Förderer, er braucht Kunstkritiker, die ihn bekannt machen, er braucht eine Galerie, die ihn ausstellt und verkauft, er braucht schließlich auch einen Museumsdirektor, der seine Bilder ankauft und aufhängt. Seit 1906 waren Emil Nolde und seine Frau Ada befreundet mit dem begeisterten Hamburger Samm- lerehepaar Luise und Gustav Schiefler. Der Landgerichtsdirektor sammelte grafische Kunst und zwar ausdrücklich solche der Avantgarde. Seine Gattin hielt 1907 einen Vortrag in einem Frauenclub und zeigte dabei einen Holzschnitt Noldes. Damit begeisterte sie die Kunsthistorikerin Dr. Rosa Schapire, eine extravagante und leidenschaftliche Frau, die damit für den Expressionismus im allgemeinen und für Nolde im besonderen gewonnen wurde. Sie vermittelte auch zur Galerie Commeter, der ältesten und renommiertesten Kunsthandlung Hamburgs.

Von 1908 bis 1933 stellte Nolde dreizehnmal bei Commeter aus. Nicht so leicht zu gewinnen war der Direktor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark. Für seine Ankäufe suchte er Bilder mit deutlichem Bezug zur Topographie Hamburgs. Das änderte sich unter seinem Nachfolger Gustav Pauli, was er ab 1914 an Noldes Werken erworben hatte, wurde 1917 erstmals in einer Nolde-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle vorgestellt – vor 100 Jahren also. Nach den katastrophalen Schäden des Krieges wurde auch schon 1947 eine Nolde-Ausstellung ermöglicht, auf der das Gemälde „Schlepper auf der Elbe“ (!) aus der Hamburger Sammlung Rauert gezeigt wurde. Heute besitzt die Hamburger Kunsthalle neun Gemälde und 165 Werke auf Papier von Emil Nolde.

gig nolde 2

1910 hatte Nolde seine erste Einzelausstellung in der Galerie Commeter. Der Künstler war natürlich zur Vernissage erschienen, aber er blieb auch danach in Hamburg. Vom 7.Februar bis 16. März lebte und arbeitete der Maler Emil Nolde in Hamburg. Er mietete eine kleine Wohnung in Petersens Hafen-Pension, Vorsetzen 49/51 und tauchte in eine aufregende Welt ein. 1910 wurde das Landungsbrückengebäude eingeweiht, 1911 der Elbtunnel als technische Meisterleistung vollendet. Tausende von Hafenarbeitern warteten am Baumwall auf ihr Tagesengagement und wurden mit Barkassen zu ihren Arbeitsplätzen gebracht. Inmitten dieses Treibens bewegte sich Nolde, ausgestattet mit Papier, Tinte, Aquarellfarben, Pinsel und Radierwerkzeug – auf der Suche nach Motiven. Sein Motiv war die Bewegung: wenig Segelschiffe, sondern die Schlepper, der Dampf, die Wogen, die Wolken, der Schatten - keine Meeresromantik, sondern die Sicht der Moderne auf Technik und Natur. 

  

Quellen und Literatur zum Thema in der VHG-Bibliothek:

Private Schätze : über das Sammeln von Kunst in Hamburg bis 1933; anlässlich der Ausstellung "Picasso, Beckmann, Nolde und die Moderne - Meisterwerke aus Frühen Privatsammlungen in Hamburg" in der Hamburger Kunsthalle vom 23.3. bis 17.6.2001. Hrsg. von Ulrich Luckhardt + Uwe M. Schneede. 2001. 271 S.                  
Signatur A.XI.04.a / 014

Spielmann, Heinz: Emil Nolde. Figuren in Bildern. Eine Ausstellung der Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde. 23. Ausstellung im BAT-Haus, Hamburg 1970.    
Signatur A.XI.04.b / 127

Nolde in Hamburg : … Ausstellung "Nolde in Hamburg", Hamburger Kunsthalle 18. Septem- ber 2015 bis 10. Februar 2016] Hrsg. Karin Schick, Christian Ring, Hubertus Gassner. 2015. 200 Seiten, zahlr Abb.
Signatur A.XI.04.b / 129

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