Griff in die Geschichte

Beckett in Hamburg im Jahr 1936

Von Antje Büttner

Der junge irische Schriftsteller Samuel Barclay Beckett trifft am Morgen des 2. Oktobers 1936 an den Landungsbrücken ein, mit der Absicht sein Deutsch zu verbessern und Kunst und Künstler der Stadt kennen zu lernen. Hamburg ist die erste Station seiner geplanten Deutschlandreise, die ihn auch nach München, Berlin und Dresden führen wird. Zunächst nimmt er Quartier in der Nähe des Hauptbahnhofs, wechselt aber bald in eine günstige Pension im Grindelviertel.

griff in geschichte beckett bild1 2016Bis zum 4. Dezember 1936 wird er in Hamburg bleiben. In dieser Zeit besucht er 11x die Kunsthalle, 7x das Museum für Kunst und Gewerbe, erwirbt eine Vielzahl von Büchern zur Kunst. Darunter das schon verbotene Werk "Die Kunst der letzten 30 Jahre" von Max Sauerlandt, das er direkt von dessen Witwe erhält. Schnell findet er Kontakt zu Kunstsammlern und Künstlern der 1933 aufgelösten Hamburger Sezession, die er in ihren Wohnungen und Ateliers besucht. Zu Fuß erkundet er die Stadt und nähert sich ihren Menschen. Dabei legt er weite Strecken zurück, die ihn bis nach Blankenese und zum Ohlsdorfer Friedhof führen. Seine Eindrücke dieser Zeit hält er fast täglich in seinen German Diaries, die erst nach seinem Tode 1989 gefunden werden, fest. Knappe Bemerkungen, in einer Kombination von englischen und deutschen Begriffen, Auflistungen von deutschen Vokabeln, Redensarten und Witze sind darunter. Besonders beeindruckt hat ihn die damals neue Hängung der Hamburger Kunsthalle, die Harald Busch 1935 einführte: jedes Gemälde mit Abstand zum nächsten, in einer Linie vor weißer Wand. "Fine building & superb presentation" notiert sich Beckett am 6. Oktober 1936. 

Mit dem Blick des unbeteiligten Beobachters erfasst er sehr genau die politischen Verhältnisse und Bedingungen für die Kunstschaffenden der Moderne nach der nationalsozialistischen Machtergreifung. Rosa Schapire ermöglicht ihm am 19. November noch den Zugang zum geschlossenen Obergeschoss des Altbaus der Kunsthalle, wo die Hauptwerke der expressionistischen Malerei mittlerweile hängen. In Gretchen Wohlwills Atelier am 24. November bekommt er ein Schreiben der Reichskulturkammer an jüdische Künstlerinnen zu sehen und schreibt es wörtlich ab: "Ihrem Antrag auf Aufnahme in die Reichskammer kann nicht stattgegeben werden, da Sie als nicht Arier nicht zuverlässig sind, und nicht geeignet, deutsches Kulturgut zu verwalten. Ich verbiete Ihnen die berufliche Ausübung von Malerei und Graphik."

griff in geschichte beckett bild2 2016Von seinem Besuch in Hamburg nimmt er viele, vor allem visuelle Anregungen mit, die in sein späteres Werk einfließen und die Sprache seiner Ästhetik prägen. Die Begegnungen mit den Künstler/innen der Hamburger Sezession, besonders die Arbeiten der Maler Karl Ballmer und Wilhelm Grimm haben Eindruck hinterlassen. Seinem Freund, dem irischen Kunstkritiker Thomas MacGreevy schreibt er abschließend am 28. November: "I shall be surprised & lucky if I find such energetic underground of painting in other parts of Germany."

2003 gab Roswitha Quadflieg eine limitierte Auflage der Originalaufzeichnungen "Samuel Beckett. Alles kommt auf soviel an. Das Hamburg Kapitel aus den German Diaries" heraus. Anlässlich seines 100. Geburtstages am 13. April 2006 erschien unter dem Titel "Beckett was here" eine zusätzliche Ausgabe mit kommentierten Auszügen und vielen Hintergrundinformationen, die als Grundlage diente für das Projekt "Beckett in Town". 

In diesem Jahr würde der Nobelpreisträger und Meister des absurden Theaters 110 Jahre alt, sein Besuch in Hamburg liegt fast 80 Jahre zurück. Das Interesse an seinem Werk ist immer noch oder wieder groß. Das Deutsche Schauspielhaus Hamburg zeigt eine Version von "Glückliche Tage" (UA 1961, New York) und am 27. Februar 2016 hatte die aktuelle, sehr eindringliche Inszenierung von "Warten auf Godot" (UA 1953, Paris), seinem großes Werk über das Warten als Merkmal menschlichen Seins, im Thalia Theater Premiere: "Auf einer Landstraße an einem Baum warten zwei (alte) Landstreicher ...".

 

Quellen und Literatur zum Thema in der VHG-Bibliothek:

 

Beckett was here. Hamburg im Tagebuch Samuel Becketts von 1936, Roswitha Quadflieg, Hamburg 2006 (im Anhang eine Übersicht von Autoren und Büchern, die Beckett erwähnt, gelesen oder erworben hat). 
A XI 7c 11

Das Raubauge in der Stadt. Beckett liest Hamburg, hg. Von Michaela Giesing, Gaby Hartel und Carola Veit, Hamburg 2006 (darin: „Bildschön! - Samuel Beckett in der Hamburger Kunsthalle“, von Matthias Mühling) eine CD mit Originaltönen der 1930er Jahre ist beigefügt.  
A XI 07c 0010

Die Hamburger Kunsthalle: Bauten und Bilder, hg. von Uwe M. Schneede und Helmut R. Leppien, Leipzig 1997 (darin: „Das Schicksal der Kunsthalle im Dritten Reich“, von Ulrich Luckhardt).
A XI 4a 63

Die Hamburgische Sezession 1919-1933, Friederike Weimar, Fischerhude 2003.  
A XI 4a 026

Gretchen Wohlwill: Lebenserinnerungen einer Hamburger Malerin, hg. von Hans Dieter Loose, Hamburg 1984.  
A XI 46 196

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